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drumherum konnte man einkaufen, essen und trinken – das waren wunderbare Orte, die man liebte. Plätze voller Emotionen. Plät- ze, in denen man Mensch unter Menschen war. Die gab es in Amerika nicht. Und so wollte Victor Grün diese künstlich schaffen.
Aber sein Traum ist doch nicht aufgegangen?
Nein, das ändert aber nichts daran, dass er Recht hatte. Nur die Investoren fanden eben kurzfristige Rendite charmanter als das Schaffen echter neuer urbaner Zentren. Und ballerten alles voll mit Verkaufsfläche. Grün wollte kein reines Einkaufen, er wollte Thea- ter und andere kulturelle Einrichtungen inte- grieren, drumherum Sportanlagen, Parks und Wohnbebauung. Aber statt der von ihm erdachten verbesserten Downtown kamen Verkaufsmaschinen dabei heraus. Die haben keinen wirklich begeistert, aber sie liefen im- merhin solange, bis Jeff Bezos und Jack Ma die Spielfläche betraten.
Sie fordern also eine Rückbesinnung auf Victor Grün?
Ja, der Mann war schlicht genial. Aber er ist nicht der Einzige. Lesen Sie die Bücher von Ray Oldenburg, dem berühmten amerikani- schen Stadtsoziologen. Er sprach vom Her- zen des sozialen Lebens der Gemeinschaft, begründete die Lehre vom »Third Place« und nannte ihn sogar eine Grundlage für eine funktionierende Demokratie. Und sie alle ha- ben Recht. Schafft emotionale Marktplätze, wie es Victor Grün wollte, und Ihr werdet Footfall haben.
Alle reden über Omni-Channel, das friedli- che Nebeneinander vieler Vertriebsformen, glauben Sie nicht daran?
Nein, jedenfalls mit Ama-
Ein Platz zum angeregten Plaudern: Dr. Kersten Rosenau im legendären »The George« Hotel in Hamburg
 zon wird es keine friedli-
che Koexistenz geben.
Selbst die ja nicht über-
trieben reißerische Frank-
furter Allgemeine spricht
davon, dass Amazon
schlicht unser ganzes Le-
ben übernehmen möch-
te. Die Amerikaner nen-
nen Amazon eine Jug-
gernaut company, das ist
eine unaufhaltsame Kraft, die alles vernichtet, was sich ihr in den Weg stellt. Nicht weniger!
Wie eilig ist es eigentlich – noch geht’s dem stationären Handel doch ganz gut?
Naja! In diesem Frühling habe ich jedenfalls gefühlt fast jeden Tag von einer Pleite im
sellschaften weltweit ordentlich an Wert, das beginnt bei 23 und geht hoch bis 67 Prozent. Und im Handel: der frü- here Star Media-Saturn, heute Ceconomy, mi- nus 46 Prozent. Wenn das keine Alarmglo- cken sind! Wobei es ja noch besonders er- schütternd wird, wenn
man Vergleiche anstellt: Der Wohnungskon- zern Vonovia gewann in derselben Zeit 55 Prozent, Deutsche Wohnen ebenfalls 55 Pro- zent, Alibaba 141 Prozent, Amazon 220 Pro- zent. (Alle Daten bezogen auf den 28. April 2019.) Also, die Börse hat die Zeichen der Zeit verstanden, aber beim Handel vielleicht noch
›Die Amerikaner nennen Amazon eine Juggernaut company, das ist eine unaufhaltsame Kraft, die alles vernichtet, was sich ihr in den Weg stellt.‹
deutschen Einzelhandel gelesen. Ein wunder- barer Seismograph ist ja auch die Börse: In den letzten drei Jahren verloren die Centerge-
nicht jeder. Aufwachen wäre aber jetzt ganz gut.
Würden Sie das Ende des stationären Einzel- handels bedauern?
Das wäre ein Alptraum! Die gewachsenen In- nenstädte, die Marktplätze des alten Euro- pas – ich kann und will mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Aber das heißt nicht, dass es nicht so kommen kann.
Sie selbst sind Spezialist für Emotionen, vor 20 Jahren haben Sie einen der europäischen Marktführer für Weihnachtsdekorationen gegründet, First Christmas, nun mit Retail Emotions ein zweites Unternehmen. Warum das?
Retail Emotions handelt von Emotionen im Handel, auch außerhalb der Weihnachtszeit. Wenn First Christmas von Mitte November bis Heilige Drei Könige dafür sorgt, dass den Menschen in den Einkaufsstraßen und Ein-
GERMAN COUNCIL . MARKTPLATZ – ADVERTORIAL
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                                 © Anna Lena Ehlers, Hamburg

































































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