Page 8 - GCM2-2019
P. 8

GERMAN COUNCIL . KONSUM
 Abbildung aus dem katalanischen Atlas (ca. 1375): Marco Polo (1254–1324) bereist die Seidenstraße
kann, die die »pax romana« garantieren, den Frieden Roms bis hin in die entlegenste Pro- vinz, was wiederum das Wirtschaftsgesche- hen weiter beflügelt.
Markenbewusst waren schon die Römer
Untersuchungen von Wracks durch Stürme gekenterter Galeeren haben Archäologen of- fenbart, wie ausgeprägt Handel in der Blüte- phase des Imperiums zwischen 50 vor und 250 nach Christi ist. Getreide wird aus Kar- thago, dem heutigen Tunesien und im mil- den Klima der Zeit die Kornkammer des Im- periums, bis hinauf nach Germanien ge- bracht. Von der iberischen Halbinsel, aus Gallien und Griechenland schaffen Schiffe pro Tag tausende Amphoren Wein nach Os- tia, dem Hafen Roms. Auf den Rückfahrten bringen sie Terra Sigillata, Tafelgeschirr aus Keramik, gefertigt in den Manufakturen in der toskanischen Stadt Arezzo, in die Provin- zen. Markenbewusstsein, das zeigen Aus- grabungen, gibt es bereits zu dieser Zeit: Je- der Becher, jeder Teller, jede Tasse und Schüssel ist mit dem jeweiligen Siegel des Herstellerbetriebes geprägt.
»Consumere« – gilt bis heute
Der Wunsch, hochwertige Waren zu erwer- ben, ist bei den Bewohnern so ausgeprägt, dass erstmals in der Geschichte ein Begriff formuliert wird, der die Freude daran wider- spiegelt, einkaufen zu gehen: consumere – der Urstamm des heutigen Wortes Konsum.
Der Wunsch, spezielle Güter zu besitzen, Mahlzeiten mit besonderen Gewürzen zu verfeinern und der Wagemut von Händlern diese zu besorgen, führt nach dem Unter- gang Roms im Mittelalter dazu, dass diese dunkle Epoche des Niedergangs schließlich ihr Ende findet. Kaufleute aus italienischen Hafenstädten wie Genua und Venedig wa- gen sich trotz der Kriege zwischen christli- chen Königreichen und muslimischen Kalifa- ten in die Levante, um von dortigen Händlern Pfeffer aus Indien, Weihrauch aus dem Oman und schließlich auch Kaffee aus Äthi- opien nach Europa zu schaffen. Mutige Händler wagen sich in fernste Länder vor. 1275 erreicht der Venezianer Marco Polo China. Zurück bringt er nicht nur kostbarste Seide und Spezereien, sondern auch die ers- ten detaillierten Berichte vom riesigen Reich im Osten Asiens.
des Luxus zu frönen. Stattdessen erwirbt er von Mönchen in Klöstern und weisen Frauen auf dem Land aus Kräutern hergestellte Arz- neien, um sie an die Menschen in den Städ- ten zu verkaufen. Fan Li ist der erste Phar- ma-Großhändler der Geschichte.
Bei den Stadtbewohnern sind die Arzneien so begehrt, dass der Kaiser-Sohn bald hun- derte Mitarbeiter beschäftigt, um die Nach- frage befriedigen zu können. Er schafft ein
Römische Amphore am Meeresboden. (Insel Ustica, Italien – Mittelmeer)
Handelsimperium und erwirbt damit einen Reichtum, der ihn, gemessen an heutiger Zahlungskraft, zum Multimilliardär macht. Was Fan Li bei seinen Geschäften lernt, fasst er in einem Buch zusammen, das heute zur Pflichtlektüre chinesischer Manager zählt: »Die Goldenen Regeln des Erfolgs«. Seine wichtigsten Erkenntnisse:
Sei fokussiert: Unternehmer sollten sich auf eine einzige, klar umrissene Geschäftsidee konzentrieren und ihre Energie nicht auf ver- schiedenen Feldern vergeuden.
Kontrolliere das Geld: Ausstehende Zahlun- gen sollten schnellstens eingetrieben, einge- hende Rechnungen, inklusive Lohnzahlun- gen, sofort beglichen werden. Denn Liquidi- tät bei allen Beteiligten garantiert, dass der Wirtschaftskreislauf sich ungehindert weiter drehen kann.
400 Jahre nach Fan Li entstehen auch in Eu- ropa die ersten großen Händler mit zahlrei- chen Beschäftigten. Möglich macht dies das Römische Imperium, das sich in seiner Hochphase von Großbritannien bis in den Nahen Osten und vom Rhein bis an den Rand der Sahara erstreckt. Durch den Han- del entstehen so große Überschüsse, dass das Reich mächtige Legionen unterhalten
 6 GCM 2 / 2019
© Jeff Rotman / Alamy Stock Foto © Science History Images / Alamy Stock Foto


















































































   6   7   8   9   10