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 Dr. David Bosshart
zum Beispiel Google Lens kann man jeden be- liebigen Artikel fotografieren – in einem Shop, Schaufenster, auf der Straße oder in der Metro – und direkt beim günstigsten Anbieter bestel- len. So wird das Verhalten aus der virtuellen Welt in die physische Welt übertragen: Man klickt und kauft, wenn es einem gefällt. Gute Techologie ist immer Vereinfachung, Automa- tisierung, Streamlining – und fast unsichtbar und bequem. Und was man kauft, kann auch ganzautonomdenWegzumKundenfinden– ob mit selbstfahrenden Lieferwagen, selbst- fliegenden Drohnen oder selbstproduzieren- den Waren aus dem 3D-Drucker. Diese Ent- wicklung könnte zum Beispiel dazu führen, dass wir in Zukunft kaum mehr mit Gepäck reisen und jeweils vor Ort alles mieten, was wir gerade brauchen, siehe etwa Wintersportarti- kel. Schon heutzutage sinkt das Bedürfnis nach persönlichem Besitz. Wichtiger werden sofortige Verfügbarkeit bei Bedarf, Verzicht hingegen kann man nicht verkaufen.
In China ist man uns Europäern schon jetzt weit voraus. Wie stark ist die Konkurrenz? Der größte Vorteil: Die chinesische Mittel- schicht ist extrem jung und hungrig. Die 20- bis 35-Jährigen haben keinen Bezug mehr zum alten System, das das Leben einst be- stimmte. Sie kennen nur harten Wettbewerb und Fortschritt und gehen ihren Weg gezielt und ohne zu zögern. Wir befinden uns zwar erst am Beginn einer Transformationsphase, aber die Veränderungen werden sehr viel schneller vonstatten gehen, als das bislang der Fall war. Künftig wird ein Handelsunter- nehmen in erster Linie ein Technologieunter- nehmen sein, das Handel treibt. In China hat man das begriffen. Da bezahlt man auch bei- spielsweise kaum noch mit Bargeld. Im chi- nesischen Alltag sind Scheine und Münzen fast verschwunden, und das Smartphone er- setzt das Portmonee. Der Bettler hat einen Barcode für Überweisungen. Das ist bei uns immer noch unvorstellbar.
Dr. David Bosshart ist CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts für Wirtschaft und Ge- sellschaft. Der promovierte Philosoph ist Autor zahlreicher internationaler Publikatio- nen und weltweit tätiger Referent. Seine Ar- beitsschwerpunkte sind die Zukunft des Konsums, der gesellschaftliche Wandel, Di- gitalisierung (Mensch-Maschine), Manage- ment und Kultur, Globalisierung und politi- sche Philosophie.
GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
Das ist der neue Markt für synthetische Erleb- nisse auch. In Ihrer Studie heißt es, in 30 Jah- ren könnte sich möglicherweise kaum noch jemand vorstellen können, wie man früher ohne Gedankenübertragung leben konnte.
So wie es heute Märkte für Information gibt, wird es künftig Märkte für synthetische Er- fahrungen, Erinnerungen und Träume geben. Kommerzielle Anwendungen werden sich zu- erst wohl auf Unterhaltung und Spiele, Bil- dung und Lernen spezialisieren. Am meisten Vorteile aber erwachsen aus dem medizini- schen Bereich, denken Sie an Behinderte, die plötzlich wieder ihr Sinnesleben erweitern können. Mit der Zeit werden die virtuellen Er- fahrungen das Bewusstsein und das Denken der Menschen verändern und neuartige Rea- litäten schaffen, die heute noch unvorstellbar sind. So wird man erleben können, was Pflan- zen fühlen, wenn sie wachsen, und wie Tiere leiden, wenn sie geschlachtet werden. Das wird die Einstellung neuer Generationen zur Massentierhaltung mit Sicherheit enorm be- einflussen. Es ist jetzt schon möglich, akusti- sche Signale in Farben zu transformieren, was farbblinden Menschen zugute kommt.
Das Gespräch führte Susanne Osadnik, Chefredakteurin GCM
 Save the Date: Dr. David Bosshart wird im Januar 2020 bei der reboot.berlin, der neu- en GCSC-Zukunftskonferenz, sprechen.
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© Sandra Blaser
























































































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