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GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
»Wer heute bewahren will, muss sich radikal ändern«
Im Gespräch mit Dr. David Bosshart, CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (GDI) in Zürich. Über das Ende des Konsums, wie wir ihn kennen, die Macht der Daten und warum Handelsunternehmen künftig Technologiekonzerne sein werden, die Handel treiben
niemand mehr etwas mit Start-ups zu tun ha- ben, die man damals noch New Economy nannte. Auch da war die Sorge vor nochmali- gem Absturz groß. Dabei ist der atemberau- bende Fortschritt der Internet-Technologie auf diese jungen Leute zurückzuführen. Da- mals galten auch Google und Amazon als verrückte Ideen, und niemand hat erwartet, dass sie mal Weltkonzerne werden könnten. Wer heute bewahren will, muss sich radikal ändern – das ist nur scheinbar paradox. Wir leben im Zeitalter der Datenrevolution, und der Handel muss lernen, damit produktiv um- zugehen. Der Wohlstand der Zukunft definiert sich über Datenreichtum versus Datenarmut.
Hört sich erst mal nicht schwierig an, scheint in der Praxis aber eine enorme Hürde zu sein. Was können Händler tun, um nicht unterzu- gehen?
Wollen die Einzelhändler im künftigen Wett- bewerb bestehen, werden sie verstärkt in Immaterielles investieren müssen. Zu die- sen Intangibles gehören insbesondere For- schung und Entwicklung, Software und AI, Skills und Talente, Patente und Branding, Design und Kreativität. Einzelhändler sind gefordert, sich zusammenzutun und ge- meinsam die besten Köpfe zu finden und zu fördern, um mithalten zu können. Es gibt ei- nen Mangel an Talenten, die auch umsetzen können. Die meisten Geschäftsführer und Vorstände von heute verstehen diese neue Welt gar nicht mehr und denken, wenn sie sich gegenseitig mit physischen Produkten schneller kopieren, die alten Preiskämpfe in- tensivieren und das Spiel Handel gegen In- dustrie und weitertreiben, überleben sie. In Wahrheit beschleunigt sich nur der Konsoli- dierungsprozess und die Abhängigkeit von cleveren Technologieunternehmen.
Physische Produkte wird es aber doch immer geben. Niemand kann ohne Seife, Handtuch, Wasser oder Schuhe leben...
Das ist – im Moment – richtig. Aber es wird eine zunehmende Entortung geben. Es ist künftig nicht mehr entscheidend, wo ich bin und konsumiere. Viele Waren des täglichen Gebrauchs wie Milch oder Mineralwasser, Waschpulver oder Duschgel werden in nicht allzu ferner Zukunft ohnehin automatisch von Maschinen bestellt werden. Damit hat der Mensch dann gar nichts mehr zu tun. Die nächsten Technologieschübe werden diese Standortlosigkeit noch weiter vorantreiben. Mit mobilen Bilderkennungsprogrammen wie
Herr Dr. Bosshart, in der jüngsten Studie des GDI wird das Ende des Konsums proklamiert. Was erwartet uns stattdessen?
Uns ist bewusst, dass unsere These provo- kant und vielleicht auch furchteinflößend ist. Aber wir müssen uns darauf einstellen, dass in den kommenden drei Jahrzehnten von dem, was wir heutzutage als Produkte, als Ladenlokal und als Handel kennen, nicht mehr viel übrig bleiben wird. Es ist einfach falsch, sich die Zukunft des Handels als line- are Fortschreibung des Online-Handels vor- zustellen, dem eine gewisse Anzahl an Lä- den und Marken zum Opfer fallen. So wird das nicht funktionieren. Uns geht es mit un- serer Studie darum, einen Anstoß zu geben, sich mit dem digitalen Ökosystem ausein- ander zu setzen. Vor allem im Handel ver-
fügt man über immer mehr Daten, weiß aber immer weniger damit anzufangen. Man ver- sucht, den Bestand zu bewahren, an Altem festzuhalten, anstatt sich mit dem Neuen zu beschäftigen – aus Angst aber auch Be- quemlichkeit gegenüber Veränderung.
In Ihrer Studie ist von Entwicklungen die Rede, die »den Handel pulverisieren« werden. Davor kann man schon Angst bekommen. Die Menschen hatten einst auch Angst vor der Eisenbahn und ihrem rasant wachsenden Netzwerk, weil sich die Welt dadurch so enorm veränderte, von der erleichterten Er- möglichung von Kriegen bis zum bequemen Massentransport von fremden Gütern, die das Angebot in den Städten »pulverisierte«. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase wollte
 Hong Kong: Nächtliches Shopping in der technikaffinen Metropole
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