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 Claudio Saputelli
sie den ursprünglichen Vorteil der gesunke- nen Finanzierungskosten längst aufgefres- sen haben.
Dann haben die Käufer von Eigenheimen und Eigentumswohnungen in den vergange- nen Jahren unökonomisch gehandelt?
Nein. Die heutige Nachfrage nach Wohneigen- tum lässt sich eher durch die zunehmende Knappheit an qualitativ hochstehenden Miet- wohnungen in urbanen Zentren insbesondere auch aufgrund steigender Bevölkerungszah- len begründen. Derzeit werden zu wenig neue Mietwohnungen gebaut, da gestiegene Land- preise und Baukosten Mietwohnungen immer mehr unrentabel machen. Wer also eine quali- tativ hochstehende Wohnung sucht, wird so quasi zum Kauf gezwungen.
Ist der Drang in das Wohneigentum nicht ein Stück weit irrational? Immobilien sind im- mobil, der Eigentümer bindet sich an einen Standort und ist mit seinem Eigentum Grundsteuererhöhungen des Staates ausge- liefert.
In der breiten Bevölkerung herrscht vielfach die Überzeugung, dass dank der tiefen Zin-
sen Wohneigentum günstiger ist als Miete. Dabei wird jedoch selten eine Vollkosten- rechnung mit Einbezug der Kapitalrisiken er- stellt. In Europa generell – weniger in Deutschland oder in der Schweiz – gibt es zudem hohe Qualitätsunterschiede zwi- schen Miet- und Eigentumswohnung. Wer es sich leisten kann, seine Wohnqualität zu verbessern, nimmt das Risiko gerne in Kauf, potenziellen Steuererhöhungen ausgeliefert zu sein. Es mag je nach Standort womöglich irrational sein, aber Wohnqualität hat effek- tiv ihren Preis.
Projektentwickler schaffen im gegenwärti- gen Boom vor allem Luxuseigentumswoh- nungen. Einige Stadtplaner und Politiker warnen nun, Wohnen werde von einem Inst- rument der Grundversorgung immer mehr zu einem Konsumgut.
In den politischen Diskussionen wird Woh- nen oft als Grundversorgung betrachtet. Doch öffentliche Körperschaften haben sich in der Vergangenheit nicht als dauerhaft ef- fiziente Grundversorger im Immobilienbe- reich erwiesen, vielfach wegen mangelnder Finanzierungsmittel sowie langwieriger Pla-
Claudio Saputelli, geboren 1970, ist Head Global Real Estate Research bei der UBS. Für die Schweizer Großbank hat er die Bubb- le-Indices zu den internationalen Immobili- enmärkten kreiert, mit denen sich Übertrei- bungen bei den Preisniveaus aufdecken las- sen.
GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
nungsprozesse. Die Erfahrung in Staaten mit geringer Regulierung wie beispielsweise in den USA zeigt, dass der private Immobilien- markt mittel- bis langfristig genügend Wohn- raum in passender Qualität bereitzustellen vermag. Hohe Regulierungsdichte, langwieri- ge Baugenehmigungsprozesse, knapp gehal- tene Landreserven und hohe administrative Kosten machen es schwierig, Mietwohnun- gen für Bezieher aller Einkommensklassen in urbanen Zentren zu realisieren. Dadurch ent- steht der falsche Eindruck, dass Investoren aus rein renditegetriebenem Eigeninteresse nur Luxuswohnungen anböten.
Das Gespräch führte Richard Haimann, freier Journalist
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© Marc Straumann



















































































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