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GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
»Negativzinsen in der
Eurozone wären nur im Fall
einer starken Rezession zu
erwarten«
Im Gespräch mit Claudio Saputelli, Head Global Real Estate Research der UBS, über Geldpolitik, Konjunkturrisiken und Luxus- immobilien als Konsumgut. Der Internationale Währungsfonds will Bargeld abschaffen, die Europäische Zentralbank am Null-Zins festhalten und immer mehr Privatanleger suchen ihr finanzielles Heil im Wohneigentum
Schritten auf die aktuelle Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent erhöht. Für dieses Jahr er- warten wir jedoch von der FED keine weitere Anhebung...
...sondern möglicherweise eine Zinssenkung?
Wir gehen zurzeit nicht von einer Leitzins- senkungen in den kommenden zwei Jahren aus. Sollte sich jedoch 2020 entgegen unse- rer Erwartung die Aussicht auf eine Rezessi- on materialisieren, so dürfte ein solcher Rückschlag in einer Leitzinssenkung mün- den.
Die Konjunkturrisiken scheinen zu wachsen – zum einen durch die Wirren um den Brexit, zum anderen durch die von den USA ent- fachten Handelskonflikte gegen die EU und China...
Sollte der Handelskrieg auf die EU über- schwappen oder es zu einem harten Brexit kommen, so würde sich die Abkühlung der Wirtschaft in der Europäischen Union ent- sprechend verschärfen. In diesem Fall wäre auch eine Rezession in der Eurozone nicht mehr auszuschließen.
Was dann dazu führen könnte, dass die Eu- ropäische Zentralbank den Leitzins in den Negativbereich senkt?
Negativzinsen in der Eurozone wären nur im Fall einer starken Rezession zu erwarten. Von einem solchen Szenario gehen wir ge- genwärtig jedoch nicht aus.
Sie erwarten aber, dass die Zinsen tief blei- ben?
Ja. Davon ist für dieses und Teile des kom- menden Jahres auszugehen. Einen ersten Zinsschritt der EZB nach oben erwarten wir nicht in 2019.
Damit dürfte die seit Beginn der Tiefzins- phase in Deutschland und zahlreichen ande- ren Ländern Europas gestiegene Nachfrage nach Wohneigentum weiter anziehen.
Die Nachfrage nach Wohneigentum wird hauptsächlich durch den Preisunterschied zwischen Kaufen und Mieten getrieben. Der Erwerb von Wohneigentum wird für die Be- völkerung dann erschwinglicher, wenn die Finanzierungskosten stärker sinken als die Eigenheimpreise steigen. Dies war in Europa jedoch nur zu Beginn der Tiefzinsphase der Fall – heute trifft dies nicht mehr zu. Die Preisanstiege bei den Immobilien waren in den nachfolgenden Jahren so stark, dass
Herr Saputelli, zur Abwendung einer welt- weiten Rezession hat der Internationale Währungsfonds, der IWF, in einem Thesen- papier den Notenbanken gerade vorgeschla- gen, im Notfall die Leitzinsen auf bis zu mi- nus zehn Prozent zu senken und Bargeld ab- zuschaffen, um den Konsum anzukurbeln. Die erhoffte Normalisierung am Zinsmarkt scheint damit vom Tisch...
Das IWF-Papier halte ich persönlich für hei- kel. Darin wird quasi nach einer drastischen Geldentwertung gerufen. So etwas verunsi- chert die Menschen und dürfte sie kaum zu mehr Konsum verleiten. Im Gegenteil: Wür- de diese Idee in die Realität umgesetzt, wür- de Geld allgemein an Wert und Bedeutung
verlieren. Eine solche Enteignung würde zu- dem die Wirtschaftsentwicklung und das Fi- nanzsystem extrem gefährden.
Zeigt das Papier nicht auch, dass es den No- tenbanken offenbar nicht gelingt, die von ih- nen geschaffene Tiefzinsphase wieder zu beenden?
In den vergangenen Jahren hatten wir in der Schweiz und in Europa zwar am langen Ende immer wieder leichte Zinsanstiege, die jedoch regelmäßig wieder verpufften. Den Notenbanken gelingt es tatsächlich nicht, ihre Bilanzen wie erhofft zu reduzieren. In den USA hat die Federal Reserve Bank im- merhin seit Ende 2015 den Leitzins in neun
 EZB in Frankfurt am Main
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