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GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
»Verkäufer sind in China sehr gut angesehen, weil der Handel ihr Ansehen stärkt«
Im Gespräch mit dem Handelsexperten Klaus Striebich über das rasante Wachstum von Chinas Einzelhandel und was die Branche hierzulande daraus lernen kann. Über Konsum als Markenzeichen für Erfolg, die deutsche Schnäppchen-Mentalität, und warum Chinesen keine Portmonees mehr besitzen ...
Das bedeutet, die Chinesen warten nicht da- rauf, dass es Schnäppchen gibt, bevor sie ihr Portmonee zücken?
Richtig. Chinas Konsumenten suchen nicht die günstigsten Produkte. Sie suchen Quali- tät, Authentizität, ja quasi Handwerkskunst. Darum sind deutsche Produkte wie Kochge- schirr von Fissler aus Idar-Oberstein, Sport- schuhe von Adidas oder Weißwaren von Mie- le dort im Premium- oder gar im Luxusbe- reich angesiedelt, ebenso wie Kosmetik von Estée Lauder oder L‘Oréal. Übrigens: Ein Port- monee zückt kein Chinese. Bezahlt wird beim Einkaufen grundsätzlich mit dem Smartpho- ne. Und das selbst bei Cent-Beträgen wie dem Kauf einer Kugel Speiseeis.
Das erscheint hierzulande noch undenkbar...
Die Einzelhändler in China bemühen sich nach Kräften, ihren Kunden den Einkauf so leicht wie möglich zu machen. Deshalb sind auch kleinste Geschäfte auf »mobile Pay- ment«, auf Bezahlung per Handy eingestellt.
Bei vielen deutschen Kunden dürfte der bar- geldlose Einkauf auf Widerstand stoßen. Schon deshalb, weil etliche Konsumenten keine digitalen Spuren hinterlassen wollen und stetig um ihre Datensicherheit fürchten. Das ist in China in der Tat anders. Dort ha- ben Konsumenten kein Problem damit, Da-
ten im Netz freizuge- ben. Im Gegenteil: Sie erhoffen sich dadurch noch bessere, auf ihre persönlichen Bedürf- nisse zugeschnittene Dienstleistungen des Handels.
Herr Striebich, trotz des Handelsstreits mit den USA ist Chinas Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres um 6,4 Prozent ge- wachsen und damit stärker als von Ökono- men erwartet. Besonders kräftig legten da- bei die Einzelhandelsumsätze mit einem Plus von 8,3 Prozent zu. Chinesische Konsu- menten kaufen offenbar auch dann gerne ein, wenn die Konjunkturaussichten durch außenpolitische Konflikte belastet werden... Shopping hat in der Tat einen sehr hohen Stellenwert für die Chinesen. Eine Anti-Kon- sumhaltung, wie sie in Teilen der deutschen Gesellschaft zu beobachten ist, gibt es in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nicht. Im Gegenteil: Die Menschen in China sehen den Konsum als Möglichkeit, ihre Er- folge im Berufsleben nach außen hin darzu- stellen. In deutschen Haushalten mit zwei Automobilen werden der BMW oder der Daimler in der Garage geparkt und der Golf kommt auf die Straße. Die Chinesen hinge- gen stellen die große Limousine gut sichtbar vor die Tür.
Die »Geiz ist geil«-Mentalität ist in China dann wohl weniger stark ausgeprägt?
Die Schnäppchen-Orientierung beim Einkauf ist ohnehin ein sehr deutsches Phänomen. Nirgendwo sonst auf der Welt sind Konsu- menten so stark darauf fokussiert, Waren nur dann zu erwerben, wenn sie mit deutli- chen Abschlägen auf die unverbindliche Preisempfehlung angeboten werden. Die Chinesen freuen sich zwar auch über gute Angebote. Chinas Amazon-Pendant Alibaba erzielte beim Single‘s Day, der chinesischen Variante des Black Friday, am 11. November vergangenen Jahres den Rekordumsatz von
30,8 Milliarden US-Dollar, umgerechnet rund 27,2 Milliarden Euro. Aber gestatten Sie mir, wenn ich hier einen etwas abgedroschenen Begriff gebrauche, das sind Peanuts ange- sichts der Dimensionen im chinesischen Ein- zelhandel.
Sie spielen darauf an, dass nach einer Studie der US-Wirtschaftsforschungsgesellschaft eMarketer der Umsatz im chinesischen Ein- zelhandel dieses Jahr mit 5,6 Trillionen US- Dollar, umgerechnet rund 4.948 Milliarden Euro, erstmals größer ausfallen soll als der in den USA mit 4.860 Mil-
liarden Euro – und natür- lich auch dem in Deutsch- land mit rund 550 Milliar- den Euro?
Zum besseren Verständ-
nis, um die Zahlen einord-
nen zu können: Alibaba
ist der mit deutlichem Ab-
stand dominierende chinesische E-Com- merce-Anbieter. Er hat vor Jahren den Single‘s Day, den traditionellen Tag der Al- leinstehenden in China, als Rabatttag quasi im Alleingang definiert und zu einem riesi- gen Event ausgebaut. Vergangenen Novem- ber gab es dazu auf der Internet-Seite von Alibaba eine vierstündige Gala mit internati- onalen Stars wie Mariah Carey und Miranda Kerr sowie Auftritten von Cirque-du-Soleil- Akrobaten, die eine Performance rund um Schuhe veranstalteten. Das ist ganz großes Kino für die chinesischen Konsumenten. Nur: Gemessen am gigantischen Jahresum- satz im chinesischen Einzelhandel ist der Absatz an diesem einen großen Rabatttag, nun ja, eher gering.
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›Die Schnäppchen- Orientierung beim Einkauf ist ein sehr deutsches Phänomen.‹
Zum Beispiel?
Zum Beispiel, dass ihnen beim Besuch eines Shopping Centers dessen Smartphone-App gleich anzeigt, in welchem Geschäft es jene Kleidungsstücke in ihrer Größe gibt, über die sie sich kürzlich im Internet informiert haben. Sehen Sie, während deutsche Konsumenten erwarten, dass ihnen Händler ständig Sonder- angebote unterbreiten, erwarten chinesische Konsumenten, dass neue Produkte, für die ge- worben wird, auch sofort überall in den Sorti- menten der Geschäfte zu finden sind.
Chinas Einzelhändler müssen also nicht bil- lig, sondern schnell sein?
Richtig. Und weil ihnen dies gelingt, warten chinesische Konsumenten nicht auf Schnäpp-









































































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