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GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
Sie meinen die erste »Umwelt-Enzyklika«, in der der Papst das Klima als gemeinsames glo- bales Gut definiert, das es zu schützen gilt, vor allem auch deshalb, weil die Folgen des Klima- wandels vor allem die Armen der Welt treffen. Ja, die Schöpfung ist ein Meisterwerk des Schöpfers, das es zu schützen gilt und das wei- tergereicht werden muss an die nächste Gene- ration. Und da tragen wir alle Verantwortung.
Die katholische Kirche ist auch dafür verant- wortlich, dass viele Menschen sich gerade von ihr abwenden, weil sie nicht damit klar kom- men, dass Glaubensvertreter sich über Jahr- zehnte ungestraft an Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Wie will die Kirche mit Op- fern und Tätern umgehen
Wie will man verhindern, dass Täter inner- halb der Kirche künftig weiter von Vorgesetz- ten gedeckt werden?
Da müssen wir langfristig dran bleiben. Die Diskussion muss weiter geführt werden und darf nicht wieder in der Versenkung ver- schwinden, sobald sie nicht mehr so große Aufmerksamkeit hat wie zurzeit. Wir müssen den Blick noch viel stärker auf die Betroffe- nen richten beziehungsweise aus ihrer Pers- pektive auf das Thema schauen. Das war bislang nicht der Fall. Langfristig gehört zur Prävention auch ein Umdenken im Umgang mit der Macht. Macht wird nur dann nicht missbraucht, wenn sie kontrolliert und ge- teilt wird. Deshalb müssen wir nach einer Po-
wer-Balance suchen.
Wie könnte eine Power- Balance aussehen? Kontrolle und Teilung sind das Fundament, auf dem wir neu aufbauen müssen. Kontrolle könn- te beispielsweise darin bestehen, dass es klare Verfahren für Menschen
gibt, die den Eindruck haben, dass ihnen Un- recht geschieht. In solchen Fällen müsste man sich an eine Appellationsinstanz wen- den können, von der die Angelegenheit nüch- tern und sachlich betrachtet wird. Wir denken in diesem Zusammenhang über Prozess- strukturen nach, etwa eine Verwaltungsge- richtsbarkeit innerhalb der Kirche. Das würde zumindest einen Weg in die Richtung zur Ein- dämmung von Machtmissbrauch weisen.
Der Erzbischof und der Handel
Können Sie sich vorstellen, dass die katholi- sche Kirche dem stationären Einzelhandel mehr als zehn Sonntage im Jahr zur Öffnung zubilligt?
Der Sonntag ist aus religiöser Überzeugung der Ur-Feiertag. Ich denke, dass es uns allen gut tut, wenn wir auch weiterhin einen festen Tag in der Woche haben, an dem wir mal nicht getrieben werden, sondern zur Ruhe kommen können. Ich glaube, der Mensch ist mehr als Handel und Konsum; er lebt auch von Dingen, die größer sind als er selbst. Und das zu erfahren, wünsche ich jedem. Und wenn der Sonntag ein Tag wird, an dem man sich auf andere Werte besinnen kann, die für das Zusammenleben aller wichtig sind, ist das für alle eine Bereicherung. Deswegen
Ingmar Behrens,(v.l.) Erzbischof Heße, Susanne Osadnik
finde ich es nach wie vor gut, wenn die Ge- schäfte sonntags geschlossen bleiben. Man kann die ganze Woche über einkaufen – und nach Ladenschluss auch noch online.
Könnten Sie sich eine Initiative vorstellen, die sich dafür einsetzt, dass auch der Online- Handel sonntags eingeschränkt wird?
Ich weiß gar nicht, ob das möglich ist. Dafür ist unsere Welt vielleicht schon zu sehr mitein- ander verwoben – selbst, wenn es wün- schenswert wäre. Denn wenn es keinen Sonn- tag mehr gibt, haben wir nur noch Werktage, und das möchte ich uns allen ersparen.
In Prag gibt es eine Kapelle in einem Shop- ping Center, die gut besucht wird. Könnten Sie sich vorstellen, die ein oder andere Im- mobilie als Begegnungszentrum zu nutzen? Die Idee habe ich schon häufiger in Gemein- den geäußert. Vor allem, weil wir eine große Zahl von Immobilien unterhalten müssen. Diese Immobilien liegen halt da, wo sie lie- gen und manchmal aber nicht am besten Platz. Und ich denke, es wäre nicht verkehrt, mobiler zu werden. Die Grundfrage ist doch, wo Kirche heute präsent sein muss. Ich ken- ne einen Pfarrer, der sein Pfarrhaus aufgege- ben und sich auf der Geschäftsstraße einge- mietet hat. Ein guter Ansatz, wenn auch si- cher nicht überall umsetzbar. Aber zurzeit überlegen wir intensiv, wie wir mit den Im- mobilien im Erzbistum künftig umgehen werden. Es gibt noch keine Entscheidungen, sondern erst einmal eine Festlegung der Kri- terien und der Verfahrensweise.
Das Gespräch führten Susanne Osadnik, Chefredakteurin GCM und
Ingmar Behrens,
Bevollmächtigter des GCSC-Vorstands
 und verhindern, dass es
Wiederholungstäter gibt?
Das erste ist für mich, die
Betroffenen von sexueller
Gewalt wahrzunehmen
und ihr Leid anzuerken-
nen. Dann bin ich dankbar,
dass wir in der katholi-
schen Kirche seit einigen
Jahren klare Leitlinien im
Umgang mit Beschuldigten haben und wir tun gut daran, diese auch konsequent anzuwen- den.
Sie beziehen sich auf die Leitlinien der Deut- schen Bischofskonferenz, in denen detailliert beschrieben wird, was in welcher Reihenfolge geschehen sollte, sobald der Verdacht eines sexuellen Missbrauchs aufkommt ...
Darin sind auch viele präventive Maßnah- men aufgeführt, um ein Klima der Achtsam- keit dafür zu schaffen, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Und dafür müssen alle ge- meinsam ihre Augen weit öffnen und zu- sammenstehen, damit solche Verbrechen der Vergangenheit angehören.
Ist die hierarchische Struktur der katholischen Kirche ein Nährboden für Machtmissbrauch? Sexueller Missbrauch geht immer mit Machtmissbrauch einher. Ob Priester, Ver- wandter, Lehrer – immer ist es eine Autori- tätsperson, die den Schutzbefohlenen zum Schweigen zwingt; häufig unter der Maßga- be: Das ist unser Geheimnis. Das darf nie- mand erfahren. Das ist auch eine Gefahr im Amt des Priesters, der eine sakrale Macht hat. Da werden zusätzlich zum physischen und psychischen Missbrauch auch noch die Seelen der Menschen missbraucht.
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›Ich glaube, der Mensch
ist mehr als Handel und Konsum; er lebt auch von Dingen, die größer sind als er selbst.‹
© Anna Lena Ehlers, Hamburg






























































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