Page 34 - GCM2-2019
P. 34

GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
   Dr. Stefan Heße: »Nächstenliebe ist die Art und Weise, wie wir dem Nächsten, der mit uns lebt, am besten gerecht werden können«
während dann alle – zumindest gefühlt – zum Glockenturm hochschauen, kann er schnell das Handy ausschalten.
Aber Spaß beiseite. Ich sehe durchaus noch andere Möglichkeiten des Fastens: In Zeiten von Klimawandel und einer Jugendbewe- gung rund um Greta Thunberg könnte man für das Klima fasten – und damit etwas Po- sitives für die Umwelt oder die Schöpfung beitragen, indem man bewusst auf eine Flugreise verzichtet oder statt des Autos öf- fentliche Verkehrsmittel nutzt.
Ist Fasten nach religiösem Verständnis dem- nach nicht ein Weniger, sondern ein Mehr? Ja, durchaus. Es ist vor allem ein Besser. Ein Ansatz, der zeigt, wie kann ich das Leben stärken, etwas tun, was zu einem schöneren Leben beiträgt. Aber da muss jeder selbst sein Maß finden. Ich persönlich versuche im- mer, mir in der Fastenzeit eine bestimmte Lektüre vorzunehmen, ein theologisches Buch, in dem ich jeden Tag etwas lese, um auch wieder auf andere und vielleicht neue Gedanken zu kommen. Denn Fasten heißt vom Ursprung des Wortes her: festmachen. Wir kennen das aus dem Englischen: Fasten your seatbelts. Im übertragenen Sinne will man also in der Fastenzeit Reize um sich he- rum reduzieren, um sich neu mit Gott zu ver- binden und sich in ihm zu verankern. Das ist die tiefere religiöse Bedeutung des Fastens.
Zu Ostern sind die Kirchen meist ähnlich ge- füllt wie zu Weihnachten. Ansonsten liegen die Gotteshäuser vielfach brach – und das, obwohl die Stellvertreter Christi in den ver-
gangenen Jahrzehnten nahezu wie Popstars gefeiert werden. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen Papst-Euphorie und leeren Kirchen?
Die Kirche ist vor allem für viele jüngere Men- schen nur das Gebäude, das möglicherweise nicht mehr so wichtig für sie ist wie für frü- here Generationen. Aber das Gebäude heißt ja nur »Kirche«, weil dort die Gemeinschaft der Gläubigen zusammenkommt. Viel wich- tiger als der Ort ist die Gemeinschaft als sol- che, die Kirche ausmacht. Kirche kann auch zuhause sein, wenn dort Menschen im Glau- ben zusammenkommen – ohne, dass es ei- nen Glockenturm oder einen Altar gibt. Kir- che kann somit immer und überall stattfin- den. Aber: Christ kann ich nicht immer allein sein. Immer in der Gemeinschaft geht es aber auch nicht. Es ist ein Mix aus beidem. In diesem Sinne brauchen wir sogenannte Events, Großereignisse, bei denen Glaube in großer Gemeinschaft mit anderen gelebt werden kann – so etwas wie die Weltjugend- tage oder der Katholikentag in Münster, der übrigens steigende Zahlen vorweisen konn- te. Solche Ereignisse zeigen: Wir sind nicht allein, sondern ganz viele.
Im vergangenen Jahr waren Sie auch mit ei- ner großen Gruppe Jugendlicher in Rom. Was bedeutet das für Jugendliche?
Das war zur internationalen Wallfahrt der Mi- nistranten. Da sind immerhin 600 Jugendli- che aus unserer Diözese mit dem Bus nach Rom gepilgert. Und natürlich haben sie geju- belt, als der Papst sich in seinem Papa-Mobil auf dem Petersplatz zeigte und sie sagen konnten: Er ist an mir vorbei gefahren.
Und dann haben sie ihn alle fotografiert?
Selbstverständlich, das musste sein. Und sie wollten auch wissen, was der Papst zu mir gesagt hat. Die Bischöfe sitzen bei solchen Veranstaltungen auf einer Tribüne, von der aus das Geschehen per Leinwand auf den Platz übertragen wird. Und als der Papst mich begrüßte, jubelten die Hamburger ganz besonders und löcherten mich später, was er denn zu mir gesagt hat.
Und? Was hat er gesagt?
Er bat mich, alle Pilger aus dem Bistum von ihm zu grüßen. Und dann hat er mich noch auf die Lübecker Märtyrer angesprochen. Das waren drei katholische Priester und ein evangelischer Pastor, die in der Zeit des Nati- onalsozialismus nicht geschwiegen haben und vom Regime ermordet wurden. Der Papst hat ihre Geschichte bei einem Besuch in Hamburg kennengelernt. Er promovierte damals in Frankfurt und hat zwei Kinder in einer Hamburger Pfarrei getauft.
Wie politisch sollte Kirche heutzutage sein?
Glaube ist nicht nur für das stille Kämmer- lein, sondern hat eine politische Dimension, weil der Glaube ins Leben ausstrahlt.
Ist Greta Thunberg aus Sicht der Kirche eine Streiterin für eine gute Sache?
Was sie tut, mag ökologisch klingen, aber nach dem, was ich von ihr gehört habe, sind das fast die gleichen Worte, die Papst Fran- ziskus in seiner Enzyklika Laudato si über die Schöpfung wählt. Das kann man fast aus- tauschen. Ich vermute, deshalb unterstützt der Papst sie auch.
32 GCM 2 / 2019
© Anna Lena Ehlers, Hamburg (3)















































































   32   33   34   35   36