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 Dr. Stefan Heße
zückte ein älterer Herr sein Smartphone und sagte: Das stimmt nicht, ich habe heute Mor- gen noch eine Nachricht von ihm erhalten. Das war schon beeindruckend. Dennoch muss man aufpassen, die älteren Menschen nicht zu verlieren, denn mehrheitlich nutzen sie andere Kommunikationswege.
Wer liest den Pfarrbrief?
Der Pfarrbrief hat eine enorme Bedeutung, wie aktuelle Untersuchungen gezeigt haben. Denn nur im Pfarrbrief erfährt man so viel über seine Gemeinde und damit die engste Umgebung. Die meisten Gemeinden fahren da inzwischen zweigleisig: Man kann den Brief in Papierform lesen oder auch online.
Die technischen Kanäle sind das eine; die Botschaften, die transportiert werden, das andere. Muss man die Botschaften auch in- haltlich an die Modernität anpassen?
Ich glaube, man muss die Botschaften erklä- ren. Am vergangenen Sonntag habe ich bei- spielsweise in einer Gemeinde über die Erb-
sünde diskutiert. Da kam jemand auf mich zu und sagte, dass man das doch abschaf- fen müsse. Nachdem ich aber ein paar Sätze dazugesagthatte,wieeszurErbsündege- kommen ist und wie das alles mit unserem Glauben zusammenhängt, war derjenige schon nachdenklicher geworden. Es bedarf also gar nicht epischer Ausführungen. Häufig reicht ein kurzes Gespräch. Aber das ist not- wendig, weil sich Vieles
men müsste. Es gibt außerhalb des Christen- tums und der Kirchen viele christliche Werte, die gelebt werden, weil sie schon im Men- schen drinstecken. Für mich als Christ ist es so, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist und dieser Gott ist für mich die Liebe, und wenn jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist, dann ist es nicht weit hergeholt, dass jeder Mensch eigentlich nur lieben und geliebt wer- den will – auch, wenn das manchmal dane- ben geht.
Wir haben gerade das Osterfest gefeiert, da- vor lagen 40 Tage Fastenzeit. Viele Men- schen nutzen diese Wochen, um auf Genuss- mittel wie Alkohol oder Süßigkeiten zu ver- zichten – häufig ohne religiösen Bezug. Vie- len Fastenden ist der Zusammenhang zwi- schen Fasten und der Vorbereitung auf Ostern gar nicht mehr klar. Ärgert es Sie, dass die Menschen die Hintergründe der Kir- chenfeste gar nicht mehr kennen?
Wenn die Menschen aus nicht-religiösen Gründen fasten, ärgert mich das nicht. Ich denke, dass das Fasten grundsätzlich gut tut. Ich bin auch immer froh, wenn es nicht nur das Schokolädchen ist, auf das man ver- zichtet, sondern auch mal Dinge für gewisse Zeit aus dem täglichen Konsumverhalten streicht, von denen man sich abhängig fühlt. Etwa das Smartphone. Wenn man rund um die Uhr online ist und vielleicht sogar mehre- re Handys besitzt, wäre es sicher gut, wenn man ab und zu mal abschaltet.
Und denkt der Erzbischof selbst daran, regel- mäßigofflinezugehen?
Ich bin eine Zeitlang auch für die Gottes- dienstübertragungen in Rundfunk und Fern- sehen zuständig gewesen. Da musste man immer im Vorfeld der Übertagung darauf hinweisen, dass die Geräte ausgeschaltet
erst erschließt, wenn man es erklärt.
›Wenn ich einen Menschen wirklich nehme, wie er ist, dann ist das gelebte Nächstenliebe.‹
werden müssen, weil es sonst ständig ir- gendwo piept, brummt oder klingelt. Selbst mir passiert es heut- zutage immer mal wie- der, dass ich am Altar stehe und denke: Hast du es ausgeschaltet?
Wie erklären Sie Nächs-
tenliebe?
Nächstenliebe ist die Art
und Weise, wie wir dem
Nächsten, der mit uns lebt,
am besten gerecht werden können. Wenn ich einen Menschen wirklich nehme, wie er ist, dann ist das gelebte Nächstenliebe. Und ich glaube, dass es in unserer Gesellschaft auch viel von dieser Nächstenliebe gibt, ohne dass man dafür das Christentum in Anspruch neh-
Das geht aber nicht nur mir so. Einer unserer Mitbischöfe hat sich deshalb etwas Findiges überlegt: Sein Klingelton ist jetzt Glockenläu- ten, so dass die Menschen in der Kirche im- mer denken, das hätte etwas mit der Messe zu tun, wenn das Handy sich meldet. Und
GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
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© Anna Lena Ehlers, Hamburg










































































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