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VORWORT
»Wer gerne einkauft, prügelt sich nicht«, sagt der Kommunikationstheoretiker Professor Dr. Norbert Bolz. »Überall dort, wo Menschen in konsumistischen Lebensformen existieren, muss man sich eigentlich nicht von Gewalt bedroht sehen. Der Konsumismus kommt ohne Blutvergießen, ohne Gewaltherrschaft, ohne Unterdrückung ganzer Bevölkerungs- schichten aus. Er verträgt sich gut mit der Demokratie und bewahrt vor Fanatismus. Er ist eine ganz brauchbare Philosophie zur Selbstfindung.«
 Liebe Leserinnen, liebe Leser,
das lateinische Wort »consumere« heißt über- setzt »verbrauchen«. Warum eine abgeleitete Version des Ursprungswortes schon lange Einzug in unsere Welt gefunden hat, weiß man heutzutage nicht mehr. Aber jedermann kann mit dem Begriff »Konsum« etwas anfangen. Zuweilen klingt er abstrakt, eher negativ, wenn man vom Konsumenten und seinem Konsum spricht. Es erscheint uns im Kontext der heuti- gen Zeit ein kritisch geprägter Begriff zu sein, der für viele negative Veränderungen in unse- rer Welt herhalten muss. Gründe für den Kli- mawandel, Verpackungs-Müllberge und auch die unbändige Lust des »Onlinekonsums« sor- gen täglich für Gesprächsstoff. Auch ist der Nukleus unserer Branche für manchen ein »Konsumtempel«.
In den vergangenen Jahrzehnten ist die Ent- wicklung des Konsums häufig stark verkürzt betrachtet worden – vor allem aufgrund der starken und stetigen Weltwirtschaftswachs- tumszeiten nach dem 2. Weltkrieg. Nicht selten wird der Konsument in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als willenloser und unmündiger Kunde stilisiert, der aufgrund seiner Eigen- schaften, Neigungen und Wünsche seine Lust am Konsum fast »besorgniserregend« auslebt.
Mitnichten will ich nun an den Grundfesten un- terschiedlicher Sichtweisen auf die Haltung
der Menschen zum Konsum eingehen und we- der moralisch urteilen noch einsortieren. Aber erlauben Sie mir, Ihnen ein paar kurze Gedan- ken dazu mit auf den Weg zu geben. Denn die Lust am Konsum ist wahrscheinlich ebenso alt wie die am anderen Geschlecht.
Bereits 1317 wurde das »Kaufhaus am Brand« in Mainz als ein von der Stadt initiiertes »Ge- meinschaftswarenhaus« eröffnet. 1673 wurde mit dem japanischen Kaufhaus »Echigoya« der Grundstein für die mittlerweile älteste Wa- renhauskette der Welt »Mitsukoshi« gelegt. Worauf reagierten die für damalige Zeiten re- volutionäre Geschäftsmodelle? Ganz einfach: auf das urmenschliche Bedürfnis des Handels, auf die Neugier am Neuen und Anderem, auf den Wunsch des zwischenmenschlichen Aus- tausches, auf das Gespräch und die Zunei- gung und Anerkennung durch das Individuum und die Gemeinschaft.
»Wie steht mir das?« ist immer noch die ent- scheidende Frage beim Einkauf von Textilien. Der darauf folgende Dialog mit dem Begleiter oder Verkäufer ist in der Regel die Entschei- dungsgrundlage für den Kauf. Man könnte fast sagen, dass der Begriff »Konsum« die Positi- onsbestimmung zu den Fragen »Wer bin ich in der Gesellschaft?« und »Wo stehe ich in der Gesellschaft?« beinhaltet.
Der Handel bringt seit tausenden von Jahren die Kulturen einander näher – auf großen und kleinen Handelsplätzen, in Shopping Centern oder Kaufhäusern kommen die Menschen zu- sammen, um zu handeln, zu konsumieren und zu kommunizieren. Nach wie vor hat der Han- del damit eine wichtige gesellschaftliche Funk- tion – heutzutage genauso wie morgen. Die absolute Stärke des Handels ist und bleibt der zwischenmenschliche Dialog. Ein »bitte hier unterschreiben« vom Paketdienstfahrer ist we- der ein fundierter Ratschlag noch erzeugt er Glücksgefühle für den getätigten Einkauf. Das Persönliche kann auch nicht ersetzt werden durch künstliche Intelligenz – und das ist gut so! Auf dem Weg zum Omnichannel-Handel muss der stationäre Handel sich (noch) mehr anstrengen und seine menschlichen Stärken sowie den Service-Gedanken wieder in den Fo- kus rücken. Nicht immer einfach, aber durch- aus lohnenswert! Das echte Lächeln im Ge- sicht des glücklichen Kunden ist wie der Ap- plaus des Publikums für den sich verneigen- den Tenor. Und damit unbezahlbar und unver- gleichlich.
 
























































































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