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GERMAN COUNCIL . KONSUM
ke weiter nach hinten im Regal platziert und das Mineralwasser und hochwertige Saft- schorlen weiter vorne. Gut wäre es auch, wenn die Nährwerttabelle mit jedem Gericht mitgeliefert und in der Kantine gezeigt wür- de. So könnte jeder gleich sehen, was viel- leicht gehaltvoller und gesünder ist: Die Spa- ghetti Bolognese oder die Frikadelle mit Kar- toffelbrei?
Dafür müsste man sich aber mit Ernährung auskennen. Wie steht es mit dem Wissen der Deutschen?
Leider schlecht. Die meisten Menschen set- zen sich nicht mit dem Thema auseinander. Und wenn, dann höchstens in Form von Diät- vorschlägen, die sie in Zeitschriften finden. So lernt man kein richtiges Ernährungsver- halten. Dabei müsste schon im Kindergarten angesetzt werden. Und in der Schule sollte auch ein Platz für Ernährungswissen ge- schaffen werden – egal in welchem Fach. Denn die Zahl der übergewichtigen Kinder, die unter anderem an Diabetes erkranken können, ist dramatisch angestiegen und steigt stetig weiter. Wenn wir in der kom- menden Generation nicht nur Übergewichti- ge und Kranke haben wollen, müssen wir schleunigst etwas tun.
Diät-Trends im historischen Wandel
1000 n. Chr.: Weindiät – Wilhelm der Eroberer verzichtet auf Nahrung, nimmt nur noch Wein zu sich, um sein Gewicht zu reduzieren
1200: Flohsamen – Hildegard von Bingen emp- fiehlt Wegeriche-Samen zum Entgiften
1820: Essig – Lord George Gordon Byron trinkt Apfelessig, um sein Hungergefühl zu unterdrü- cken
1862: Banting – der britische Bestattungsunter- nehmer William Banting schreibt das erste kommerzielle Diätbuch: Fleisch statt Kohlenhy- drate
1910: Fletchern – der US-Ernährungsreformer Horace Fletcher rät zu Fleischverzicht und klei- nen Mahlzeiten, bei denen jeder Biss lange ge- kaut werden soll
Noch nie gab es so viele TV-Formate, die sich mit Essen und Ernährung beschäftigen. Wer wollte, könnte da schon eine Menge lernen. Wie erklären Sie sich, dass zwar viele Men- schen die »Ernährungsdocs« und Jamie Oli- vers Kochshow einschalten, aber keine Kon- sequenzen für sich selbst ziehen?
Es hat natürlich etwas mit Bequemlichkeit zu tun. Aber sicher auch mit Nichtwissen. Man kann 90 Prozent aller Krankheiten in der westlichen Welt mit der entsprechenden Er- nährungsweise positiv beeinflussen oder so- gar beseitigen. Das ist aber immer noch nicht überall durchgedrungen. Außerdem ist es auch nicht ganz einfach, sich im Dschun- gel der Lebensmittelindustrie zurecht zu fin- den. Eine Lebensmittelampel, die dem Ver- braucher auf einfachste Weise durch drei Farben zeigt, was gut, mittel und eher schlecht ist, wäre eine wichtige Unterstüt- zung. Aber die Ampel wird es vermutlich in absehbarer Zukunft nicht geben.
Warum sind Sie so skeptisch?
Die starke Lebensmittelindustrie hat daran kein Interesse. Warum sollte sie auch. Sie verdient gut an ungesunden Produkten. So mancher Konzern hätte vermutlich fast aus- schließlich Produkte mit roter Markierung,
1929: Zigaretten – »Greife zu einer Lucky statt zu Süßigkeiten«, propagiert die US-Zigarettenmarke Lucky Strike und verweist auf die Hunger unterdrü- ckende Eigenschaft des Nikotins
1930: Hollywood-Diät – Filmstars essen Grape- fruits, um schlank zu werden. Sie glauben, dass die Zitrusfrucht ein Enzym enthält, das die Fettver- brennung ankurbelt. Später zeigt sich, dass Inhalts- stoffe der Grapefruit gefährliche Wechselwirkungen bei einer Reihe von Medikamenten auslösen kön- nen
1963: Mischkost – die New Yorker Hausfrau Jean Nidetch entwickelt eine Diät mit energiereduzierter Mischkost und gründet Weight Watchers
1972: Low Carb – der US-Ernährungswissenschaft- ler und Kardiologe Robert Coleman Atkins emp- fiehlt den Verzicht auf Kohlehydrate zugunsten von
die als Warnung verstanden werden sollte. Das dürfte ihnen nicht gefallen und die Mar- ketingleute mächtig unter Druck setzen.
Das Gespräch führte Susanne Osadnik, Chefredakteurin GCM
Heiko Griguhn aus Nortorf/Schleswig-Hol- stein ist staatlich geprüfter Pharmakant, stu- dierter Ernährungswissenschaftler, zugelas- sener Heilpraktiker und zertifizierter Ernäh- rungsberater der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Einige seiner Schwerpunk- te sind zertifizierte ernährungswissenschaft- liche Beratung und Behandlung, betriebliches Gesundheitsmanagement und Gesundheits- förderung für Unternehmen/Kliniken sowie Qualitätsmanagement und Qualitätssiche- rung im Lebensmittelbereich. Er arbeitet in- terdisziplinär zusammen mit einem Facharzt für Innere Medizin, Ernährungsmedizin, Not- fallmedizin, einer Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Heilpraktikerin- nen, Präventionspraktikern und Auditoren.
Eiweiß und Fett. Sein Buch, »Die Diätrevoluti- on« wird mit 12 Millionen verkauften Exempla- ren zum weltweiten Bestseller
1982: Aerobic – Die US-Schauspielerin Jane Fonda bringt ihr »Workout«-Video heraus und startet die Aerobic-Welle. Motto: No pain, no gain – kein Schmerz, kein Abnehmen
2002: Steinzeitdiät – Der US-Ernährungsfor- scher Loren Cordain veröffentlicht
sein Buch »Die Paläo-Ernäh-
rung«. Gegessen wird wie in
der Steinzeit: Beeren, Fisch, Gemüse, Kräu- ter, Nüsse, Obst, Pil-
ze, Wildfleisch
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