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GERMAN COUNCIL . KONSUM
»Die Dosis macht das Gift«
Im Gespräch mit dem Ernährungswissenschaftler Heiko Griguhn über vernünftiges Essen im hektischen Manager-Alltag, das Märchen vom gesunden Fruchtzucker, und warum sich Unternehmer für die Essgewohnheiten ihrer Mitarbeiter interessieren sollten
will. Es sollte einfach darauf geachtet wer- den, dass die Mischung stimmt. Auch zu viel Obst kann beispielsweise schädlich sein.
Inwiefern kann zu viel Obst schaden?
Ich habe Sportler behandelt, die dachten, sie ernährten sich hervorragend, indem sie fast ausschließlich auf Obst setzten. Wir haben bei Untersuchungen später eine Fettleber di- agnostiziert. Die kam aber nicht vom Alko- hol, wie man hätte annehmen können, son- dern vom Obst. Der viele Fruchtzucker, der mit Obst, Fruchtsäften und Smoothies auf- genommen wurde, schädigte die Leber. Wir erinnern uns sicher alle an die sogenannten Diabetiker-Produkte, die es früher gab. Darin wurde der Haushaltszucker, der je zur Hälfte aus Frucht- und Traubenzucker besteht, ge- gen den vermeintlich gesunden Fruchtzu- cker ausgetauscht, der den Blutzuckerwert nicht erhöht. Er wird direkt in der Leber abge- baut. Dort entstehen unter anderem Vorstu- fen von Molekülen, die der Speicherung von Fett dienen. Das wusste man früher nicht de- tailliert und dachte, man tue Diabetikern et- was Gutes. Heutzutage weiß man über die negativen Folgen von zu viel Fruchtzucker besser Bescheid. Leider gibt es dennoch zu viele Produkte, in denen versteckter Frucht- zucker sitzt, und die deshalb langfristig ge- sundheitsschädlich sein können.
Sie meinen Fruchtsäfte und Smoothies?
Ja, aber auch in der Fertigpizza findet man Fruchtzucker. Selbst die Backwaren, die man fast rund um die Uhr kaufen kann, sind mit Fruchtzucker und Haushaltszucker aufge- peppt, weil der Zucker für die Bräunung sorgt. Ansonsten blieben die Kuchen und Croissants käseweiß. Auch in vielen Fertig- produkten und Getränken findet man Frucht- zucker in Form von Maissirup und Glukose- Fruktosesirup. Hört sich gesund an, ist es aber nicht. Wer also täglich eine große Fla- sche Orangensaft trinkt, ein Honigbrötchen und eine Fertigpizza isst, hat weit mehr als 100 Gramm Fruchtzucker zu sich genom- men und riskiert langfristig gesundheitliche Beeinträchtigungen von Leberschäden bis zu Herzinfarkten und Schlaganfällen.
Der tägliche Apfel sollte dennoch nicht fehlen?
Nein, man muss schon täglich mehrere Äp- fel essen, um in den Bereich zu gelangen, der ungesund wird. Tatsächlich essen wir meist zu selten Obst – wenn richtige Früchte ge- meint sind. Auch hier macht die Dosis das
Herr Griguhn, trägt das Überangebot an Le- bensmitteln mit dazu bei, dass es schwer- fällt, sich gesund zu ernähren?
Als Naturwissenschaftler neige ich immer dazu »Ja, aber ...« zu antworten. Tatsächlich ist es heutzutage schwieriger, sich gesund zu ernähren als man allgemein hin glauben sollte. Denn es ist ja alles im Überfluss für wenig Geld verfügbar. Man muss »nur« das Richtige auswählen. Aber genau das ist schwierig. Deshalb ist das Wichtigste beim Thema Ernährung zunächst einmal, zwi- schen Lebensmitteln und Genussmitteln zu unterscheiden. Gelingt mir das als Verbrau- cher, bin ich schon auf dem richtigen Weg. Wichtig ist auch, bei Fertigprodukten genau zu hinterfragen, was eigentlich alles drin ist. Ich versuche, meine Klienten und Patienten dahingehend zu »erziehen«, dass sie lernen,
die Verpackungshinweise zu studieren und richtig deuten zu können. Es gibt viele gute Produkte, aber auch jede Menge Produkte, die uns im Übermaße schaden können.
Was ist in Abgrenzung zum sogenannten Übermaß eigentlich »gesunde« Ernährung? Von allem etwas zu essen, ist gesund. Es macht keinen Sinn, sich ständig alles zu ver- kneifen. Zu Hungern ist ebenso wenig eine Lösung. Und Bauchgrummeln macht den Menschen mürrisch und unglücklich. Mal ein Eis, mal ein Stück Kuchen – das bringt nie- manden um. Grundsätzlich gilt dabei: Die Dosis macht das Gift. Wenn ich jeden Tag ein Eis esse, ist das zu viel. Gönne ich es mir einmal in der Woche, ist das völlig in Ord- nung. Ich muss auch nicht auf Fleisch ver- zichten, wenn ich mich gesünder ernähren
 Von allem ein bisschen ist immer noch die beste Ernährungsweise
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