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Es ist der Beginn der genossenschaftlichen Bewegung im deutschsprachigen Raum. Bald werden daraus die Raiffeisen-Warengenos- senschaften entstehen. In ihnen schließen sich Landwirte zusammen. Sie erwerben ge- meinsam Saatgut und Tierfutter und sichern sich dabei durch Großbestellungen Rabatte. Gleichzeitig vermarkten sie zusammen über die Genossenschaften ihre Ernten und schüt- zen sich so davor, von Einkäufern übervorteilt zu werden. Später folgen die Raiffeisenban- ken – regionale Geldinstitute, bei denen die Menschen auf dem Land ihre Ersparnisse an- legen und Kredite erhalten können.
In den frühen Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg steht die Landwirt- schaft in Westdeutschland vor immensen Herausforderungen: 17,5 Millionen Flüchtlin- ge und Vertriebe aus den abgetrennten Ost- gebieten, aus Polen, dem Sudetenland, Un- garn und Rumänien haben die Zahl der Ein- wohner in der 1949 neu gegründeten Bun- desrepublik auf 53 Millionen Menschen stei- gen lassen. Der Bedarf an Nahrungsmitteln ist rapide gewachsen. Gleichzeitig finden die Bauern kaum noch Knechte, weil die rasch wachsenden Industrieunternehmen mit ihren hohen Löhnen die jungen Menschen locken.
Der Agrarwissenschaftler Erich Geiersberg findet eine Lösung für die Krise. 1958 grün- det er im bayerischen Buchhofen einen Ma- schinenring. Landwirte tun sich zusammen, um gemeinsam Traktoren und Mähdrescher zu erwerben. Es ist der Beginn der mechani- sierten Landwirtschaft in Europa. 1963 exis- tieren in der Bundesrepublik bereits mehr als 300 Maschinenringe, etliche hundert weitere in Österreich, Italien, Frankreich und Großbri- tannien. Heute teilen sich in Deutschland
Uber: Per App mal schnell eine freien Wagen ergattern
2009 startete der Fahrgastdienst Uber in den Vereinigten Staaten
 rund 192.000 landwirtschaftliche Betriebe über Maschinenringe ihren Fuhr- und Geräte- park. »Mehr als 60 Jahre nach der ersten Gründung sind die Maschinenringe immer noch konsequent auf Wachstumskurs«, sagt Erwin Ballis, Geschäftsführer des Bundes- verbands der Maschinenringe.
1956 wird Else Münch, Besitzerin eines nob- len Cafés in der Mainmetropole Frankfurt, wiederholt von Studenten angesprochen, ob unter ihren Gästen nicht jemand sei, der demnächst nach Köln oder München führe und sie für einen kleinen Obolus mitnehmen könne. Münch spricht einige Vertreter an. Die freuen sich über Begleiter bei den langen Autofahrten. Die Café-Eignerin macht ein zweites Geschäft auf: Sie gründet die erste Mitfahrzentrale Deutschlands – 63 Jahre vor der Gründung von Uber.
Der Blick zurück zeigt: Die Idee der Sharing Economy ist faktisch »alter Wein in jungen Schläuchen«. Und nicht wenige Ökonomen stellen sich die Frage, ob die Vorzeigeunter-
nehmen der vermeintlich revolutionären Wirt- schaftsordnung überhaupt als Vorbild für die- se taugen. »AirBnB in seiner heutigen Form basiert nicht mehr auf der Idee des Teilens, sondern der Profiterzielung«, sagt Catella- Chefresearcher Beyerle. Und Michael Voigt- länder, Immobilienökonom beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln sagt: »Was mit der eher idealistischen Idee des Couch- surfings zur Aufbesserung der finanziellen Lage von Studenten begann, wird heute von etlichen Leuten genutzt, um Maximalrenditen am Wohnungsmarkt zu erzielen.«
Sharing-Economy will viel Geld verdienen
Die Unternehmensgründer Chesky und Gebbia sowie der bald nach dem Start als Programmierer hinzugeholte Software-Spe- zialist Nathan Blecharczyk sind längst Milli- ardäre geworden. Und den wenigsten Zim- mervermietern geht es heute darum, Reisen- de aus anderen Kulturkreisen kennenzuler- nen, sondern darum, Geld zu verdienen. »25 Prozent der AirBnB-Vermieter in deutschen
GERMAN COUNCIL . KONSUM
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