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GERMAN COUNCIL . KONSUM
Alter Wein
in jungen Schläuchen
Die Sharing Economy gilt als neue Wirtschaftsordnung. Tatsächlich basieren ihre Konzepte auf Ideen, die mehr als tausend Jahre zurückreichen – und manche Ökonomen bezweifeln, dass Vorzeigeunternehmen wie AirBnB und Uber dauerhaft am Markt bestehen werden
nostiziert der berühmte Berufsvisionär, dass Menschen schon bald kaum noch Dinge konsumieren, sondern leihen und teilen wer- den: »Eigentum war gestern.«
Tatsächlich ist beeindruckend, was gesche- hen kann, wenn sich weltweit Menschen ei- ner Idee öffnen: Der Fahrdienst-Vermittler Uber, das zweite große Aushängeschild der Sharing Economy, zählt drei Millionen Fahrer in mehr als 600 Städten rund um den Glo- bus, die im vergangenen Jahr rund 75 Millio- nen Personen befördert haben. Über AirBnB wiederum vermieten inzwischen mehr als fünf Millionen Haushalte in über 81.000 Städten in 191 Ländern Zimmer ihrer Woh- nungen und Häuser an Touristen und Ge- schäftsreisende. »Das Unternehmen hat die Urlaubsgewohnheiten von Millionen Men- schen verändert und deutliche Spuren auf den Hotel- und Wohnungsmärkten hinterlas- sen«, sagt Thomas Beyerle, Chefresearcher der Immobilienberatungsgesellschaft Catel- la, der die Auswirkungen von AirBnB in meh- reren Studien analysiert hat.
Genossenschaften dank Raiffeisen
So sehr die Ökonomie die Teilens derzeit als neue Idee gehypt wird – ihre Ursprünge lie- gen mehr als eintausend Jahre zurück. Im frühen Mittelalter wird in den Dörfern von Ita- lien bis hinauf nach Skandinavien das Teilen der umliegenden Wiesen, des Waldes und der Bäche von den Bewohnern gemeinsam als Allgemeingut genutzt – die Allmende. Niemandem gehören diese Flächen, jeder hat ein Recht darauf, seine Tiere dort zu wei- den, zu tränken und Feuerholz zu schlagen.
1847 greift der preußische Beamte Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Bürgermeister von Wey- erbusch bei Koblenz, die alte Idee neu auf. Im Pazifik sind im Jahr zuvor die Vulkane Fo- nualei und Merapi ausgebrochen. Monate- lang haben die Feuerberge Asche gespien, die den Himmel rund um die Erde verdunkelt. Weltweit sinken die Temperaturen. Kälte und heftige Regenfälle lassen in Deutschland Kartoffel- und Getreidepflanzen auf den Fel- dern faulen. Etliche Bauern in Weyerbusch können nicht einmal Saatgut für das neue Jahr gewinnen. Raiffeisen gründet einen Hilfsverein. Landwirte, die noch Geld haben, zahlen einen Teil davon als Sparguthaben ein. Mittellose Bauern erhalten davon Kredi- te, um Saatgut zu kaufen.
Das Studium zum Industriedesigner haben sie abgeschlossen, ein Job aber ist nicht in Sicht. Brian Chesky und Joe Gebbia haben ihre letzten Ersparnisse fast aufgebraucht. Sie wissen nicht einmal, wie sie im nächsten Monat die Miete für ihre kleine Wohnung in San Francisco bezahlen sollen. Die rettende Idee liefert die bevorstehende Konferenz der Industrial Designers Society of America: In der Stadt sind alle Hotels ausgebucht. Chesky und Gebbia blasen ihre Luftmatratzen im Wohnzimmer auf, vermieten sie an Konfe- renzteilnehmer und servieren ihnen morgens ein kräftiges Frühstück. Ihr Marketingslogan: Air Bed and Breakfast – kurz AirBnB.
Was im Oktober 2007 aus der Not geboren wird, ist heute zu einem milliardenschweren Geschäft geworden – und zu einem der Vor-
zeigeunternehmen einer Wirtschaftsord- nung, die auf der Idee basiert, dass Men- schen mehr erreichen können, wenn sie ko- operieren und Dinge teilen: der Sharing Eco- nomy. Es ist ein gewaltiger Trend, der in den kommenden Jahren noch deutlich mehr Dy- namik entfalten könnte. »Es ist nicht ge- wagt, dem Sharing eine große Zukunft zu prophezeien«, urteilt Reinhard Loske, Pro- fessor für Politik, Nachhaltigkeit und Trans- formationsdynamik an der Universität Wit- ten/Herdecke in einem Aufsatz für das Fachmagazin Humane Wirtschaft. Der US- Ökonom Jeremy Rifkin von der Wharton School der Universität von Pennsylvania sieht in der Sharing Economy sogar das »Ende des Kapitalismus«. In seinem auf Deutsch unter dem Titel »Die Null-Grenzkos- ten-Gesellschaft« erschienenen Buch prog-
 Airbnb unterstützt als Sponsor unter anderem die jährlich stattfindende »LGBTQ Pride Parade« in Montreal
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