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 Dr. Manuel Schramm
sche Fragwürdigkeit solcher Ausflüge, weil es ja nur männliche Bedienungen in den Kaufhäusern gab. Die Verkäuferin wie wir sie heute kennen, ist ein Berufsbild, das erst nach dem 1. Weltkrieg entstanden ist und mit der Ausweitung der Berufstätigkeit der Frau in dieser Zeit zusammenhängt.
Da wir gerade bei den Frauen sind. Gibt es geschlechtsspezifischen Konsum?
Ja, natürlich. Den hat es immer gegeben, und das wird vermutlich auch so bleiben – wenn es auch immer wieder Klischees gibt, die gern bedient werden, und die einfach so nicht stimmen. Schon im 18. Jahrhundert gab es in Frankreich Untersuchungen über das Konsumverhalten von Männern und Frauen. Danach sollten vor allem Frauen gern Schuhe kaufen. Tatsächlich haben da- mals Männer genauso viel für Bekleidung ausgegeben wie Frauen.
Heutzutage werden geschlechtsspezifische Klischeés besonders gern wieder aufgenom- men: Da werden Kleidung, Accessoires und Gebrauchsgegenstände in einer Flut von Rosa angeboten. Seit neuestem gibt es so- gar Überraschungseier speziell für Mädchen. Die Jungen werden mit Artikeln gelockt, die den »Superhelden«-Mythos verkörpern.
Bei allem Überfluss gibt es auch immer wie- der Konsumkritik. Ein Phänomen des 20. Jahrhunderts?
Keineswegs. Es wurde schon früh kritisiert, dass zu viel konsumiert wird. Im 18. Jahr- hundert brach sich die Luxuskritik bahn. Da- mals ging es hauptsächlich um Genussmit- tel, die für uns heutzutage zum Alltag gehö- ren. Aber Kaffee und Tee waren früher teuer, und nur die Wohlhabenden konnten sie sich leisten. Außerdem befürchtete man, dass die heimische Wirtschaft leiden könnte, wenn zu viele Waren importiert würden. Das bezog sich auch auf die Baumwolle, die leichter zu bedrucken war als Wolle oder Leinen und durch die industrielle Fertigung ein er- schwingliches Massenprodukt werden konn- te. Natürlich fürchteten die Mächtigen auch die mit dem Produktionswandel einherge- henden gesellschaftlichen Veränderungen. Denn der Konsum ist auch immer ein Zei- chen für mehr Selbstbestimmung und Frei- heit gewesen.
Ist der Verbraucherschutz auch eine Ent- wicklung, die mit wachsendem Konsum zu- sammenhängt?
Dass Verbraucher sich getäuscht fühlen, ist ein altes Phänomen. Die Menschen hatten schon immer Sorge, übers Ohr gehauen zu werden. Als Waren noch unverpackt verkauft wurden, bestand immer die Möglichkeit, sie zu verfälschen: den teuren Kaffee zu stre- cken, den Wein zu verwässern. Als Maggi und Nivea die ersten verpackten Produkte anboten, war das ein Qualitätsversprechen. Liebigs Fleischextrakt gehört auch zu diesen Produkten: Der deutsche Chemiker Justus von Liebig entwickelte in den 1840er Jahren einen konzentrierten Fleischtrank, der als Nährmittel vor allem für die ärmere Bevölke- rung eingesetzt werden sollte, sich dafür aber als zu teuer erwies. Durch das Aufkom- men der Markenartikel und der Selbstbedie- nung im Einzelhandel verlagert sich das Misstrauen der Konsumenten vom Händler auf die Produzenten.
Welche Wechselwirkung besteht zwischen Konsum und Politik?
Eine gut funktionierende Wirtschaft hilft in der Regel der amtierenden Regierung. Dann wird viel weniger in Frage gestellt, und man hält sich mit der Kritik zurück. Unzufrieden werden die Menschen erst, wenn es ihnen persönlich schlechter geht, sie weniger ver- dienen und weniger ausgeben können. Poli-
tik hat insofern schon immer Einfluss auf den Konsum genommen. Manchmal auch ganz direkt: Die Nationalsozialisten haben etwa den Verzehr von Roggenbrot propa- giert, um ein heimisches Produkt zu pu- schen und zu verhindern, dass während des Krieges wertvolle Devisen für ausländisches Brot oder Getreide ausgegeben werden.
War der Sturz des DDR-Regimes 1989 eine »Konsum«-Revolution?
Niemand möchte den Menschen ihre edlen Motive wie den Drang nach Freiheit und De- mokratie in Abrede stellen. Aber den Wunsch nach mehr Konsum kann man kaum davon separieren. Wenn bestimmte Bevölkerungs- gruppen sich beklagen, dass sie von Waren- zugang abgeschnitten sind, spielt Konsum immer eine Rolle. Die Menschen in der DDR wussten ganz genau, dass es in der Bundes- republik viel mehr zu kaufen gab, man nur in einen Laden gehen musste, um zu bekom- men, was man gerne gehabt hätte und man auch nicht zehn Jahre auf ein Auto warten musste. Da haben sich viele schon gefragt: Warum ist das bei uns nicht möglich?
Das Gespräch führte Susanne Osadnik, Chefredakteurin GCM
GERMAN COUNCIL . KONSUM
Dr. Manuel Schramm ist Privatdozent an der Technischen Universität Chemnitz und wissen- schaftlicher Mitarbeiter im sächsischen Indus- triemuseum. Forschungsschwerpunkte sind unter anderen die Wirtschafts- und Sozialge- schichte Westeuropas seit 1945 und die Kon- sumgeschichte des 20. Jahrhunderts.
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