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GERMAN COUNCIL . KONSUM
»Der Kühlschrank gilt als das erste massentaugliche Konsumgut hierzulande«
Im Gespräch mit dem Historiker Dr. Manuel Schramm über
die Geschichte der Konsumgesellschaft, warum Kaufhäuser zur Emanzipation der Frau beigetragen haben, verpackte Waren einst als Qualitätsversprechen galten und der »Wackeldackel« den Siegeszug im Heck von Opel, VW & Co. antreten konnte
setzt und auch begonnen, die Produktion zu beeinflussen. Der Wackel-Elvis, der vor Jah- ren in vielen Autos an der Heck- oder Wind- schutzscheibe hing, war eigentlich als Gag der Werbeindustrie gedacht. Weil ihn so viele Menschen nachgefragt haben, ist er schließ- lich beim Endverbraucher gelandet und ein Kassenschlager geworden.
Der 2016 verstorbene Historiker Michael Prinz schrieb in seinem Buch »Die vielen Ge- sichter des Konsums«, dass »das feste La- dengeschäft die permanente Versorgung« si- chert. Gilt das heute noch?
Diese Sichtweise ist stark historisch geprägt und stimmt für das 19. Jahrhundert. Da- mals entstand in den Städten ein großes Netzwerk an »Tante-Emma-Läden«, die die Bevölkerung mit allem versorgten, was sie brauchten. Wer in die Städte zog, um dort Arbeit zu finden, hatte kein Land mehr, auf dem er Obst und Gemüse anbauen konnte. Zu dieser Zeit wuchs die Zahl der Läden so- gar schneller als die Bevölkerung in den Städten. Auch der Aufstieg der Kaufhäuser fällt in diese Epoche. Überall in Deutschland entstanden damals Kaufhäuser – in Berlin genauso wie etwa in Paderborn. Das ist der Grund für die heutigen Probleme: Das Filial- netz der Kaufhäuser ist in Deutschland sehr dicht, ein Ergebnis der damaligen Expansi- on. In Frankreich ist das beispielsweise
Herr Dr. Schramm, was ist Konsum aus Sicht der Wissenschaft?
Leider gibt es keine einheitliche Definition. Früher hat die Wissenschaft beispielsweise unter Konsum hauptsächlich den Kauf von Sachgegenständen verstanden – auch sol- cher, die direkt mit der Produktion von Waren zusammenhängen. Heutzutage orientiert man sich eher daran, was beim Endverbrau- cher landet. Dazu gehört auch Selbsterzeug- tes wie etwa Musik, wenn ich eine Gitarre kaufe, oder das Gericht, das ich mithilfe des Messers, des Herds, der Mikrowelle koche. Konsum hört demnach nicht mit der Kauf- entscheidung auf, sondern geht mit der krea- tiven Anwendung und Nutzung der Waren weiter. Wobei sich die Nutzung eines Gegen- standes oder einer Dienstleitung auf unter- schiedlichste Art zeigen kann: Ich kann den Fernseher den ganzen Tag zu Berieselung laufen lassen. Ich kann aber auch gezielt nur die Sendungen mit hohem Bildungspotenzial einschalten. Mit ein und derselben Sache können unterschiedliche Dienstleistungen genutzt werden.
Sie haben geschrieben, dass es beim Thema Konsum zum einen um den Überfluss und den schönen Schein geht, zum anderen auch um den Mangel, die Entbehrungen und unbe- friedigten Wünsche der Konsumenten. Wie passt das zusammen?
Ohne die Entbehrungen während zweier Weltkriege und die Hungersnöte in den je- weiligen Nachkriegsjahren wäre die Kon- sumgesellschaft von heute gar nicht mög- lich gewesen. Beides gehört unmittelbar zu- sammen. Der enorme Boom der 1950er Jahre ist eine direkte Folge des Nachholbedarfs ei-
ner Generation, die viel entbehrt hat und es sich endlich gut gehen lassen wollte. Der Kühlschrank gilt als das erste massentaugli- che Konsumgut hierzulande. Er war der In- begriff von Luxus, was die Gewerkschaften dazu veranlasste, Steuern auf Kühlschränke zu verlangen. Sie haben sich damit nicht durchsetzen können. In England galt bei- spielsweise die Waschmaschine als das Nonplusultra. Es war das begehrteste Pro- dukt überhaupt – und jeder wollte es haben. Allerdings konnte sich nicht jedermann eine Waschmaschine leisten. Genauso wenig wie den Kühlschrank hierzulande.
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Wenn Sie schreiben »Konsum beinhaltet ak- tive Anpassungsleistung durch den Konsumen- ten«, was genau bedeu- tet das?
›Ohne die Entbehrungen während zweier Weltkriege und die Hungersnöte in den jeweiligen Nachkriegsjahren wäre die Konsumgesell- schaft von heute gar nicht möglich gewesen.‹
ganz anders gelaufen. Dort hat man die gro- ßen Kaufhäuser auf Paris beschränkt und den Rest der Republik über den Versandhan- del erreicht. Wenn man so will: Ein Vor- läufer des heutigen Online-Handels.
Apropos Kaufhäuser. Inwiefern haben sie einst zur Emanzipati-
Lange Zeit ging man da-
von aus, dass Konsum
eine Einbahnstraße und
der Konsument passiv
ist. Er konsumiert, was
er von Industrie und
Werbung vorgesetzt be-
kommt – und zwar auch genau so, wie es vorgesehen ist. Das funktioniert aber nicht mehr. Schon in den 1980er Jahren haben junge Menschen angefangen, Alltagsgegen- stände anders als vorgesehen zu benutzen: Ob es die Bundeswehrhosen oder der Nato- parka waren, die als Modetrend Einzug in die Zivilgesellschaft gehalten haben, oder die alte Kaffeekanne, die als Vase umfunktio- niert wurde. Die Menschen haben sich sehr viel kreativer mit Konsum auseinander ge-
on der Frau beigetragen?
Um 1900 bedeuteten die Kaufhäuser neue Bewegungsfreiheit für Frauen, die sich da- mals – zumindest in bürgerlichen Kreisen – noch nicht allein im öffentlichen Raum be- wegen durften, ohne als anrüchig zu gelten. Kaufhäuser hingegen boten einen Ort, an dem sie sich erstmals ohne männliche Be- gleitung aufhalten und sich mit Freundinnen treffen konnten. Natürlich gab es dazu an- fangs auch Diskussionen über die morali-








































































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