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auf die beiden Megatrends Demografie und Wissenschaftsorientierung zurückzuführen.
Es spricht vieles dafür, dass sich diese Trends künftig sogar wechselseitig verstär- ken: Wissenschaftlicher Fortschritt und auf dessen Rücken auch Innovationen erfolgen immer häufiger in Teams, weil kreative Pro- zesse in der Regel soziale Interaktion erfor- dern. Städte bilden seit Jahrtausenden den Rahmen für menschliche Interaktion und das Wagnis, Neues zu denken und zu tun. Die Ur- banisierung ist folglich das Resultat des höchst menschlichen Bedürfnisses nach so- zialem Austausch sowie des höchst kapita- listischen Anreizes, dass neue marktfähige Ideen vergütet werden. Wenn heute also häu- figer marktfähige Ideen das Zusammenar- beiten unterschiedlicher Menschen erfordert, dann werden auch im Internetzeitalter die Städte wachsen.
Maschinen ersetzen Menschen
Aktuell bestimmt die Digitalisierung die Ent- wicklung vieler Branchen, also der Nutzer ge- werblicher Immobilien. Alles, was ein Robo- ter oder ein Algorithmus besser erledigen kann als ein Mensch, wird künftig durch Ma- schinen erledigt werden. Die Industrialisie- rung könnte hier als Blaupause für die wahr- scheinliche weitere Entwicklung in vielen (Büro-)Dienstleistungsbranchen stehen: In der ersten Phase der Industrialisierung stand die Massenproduktion im Mittelpunkt, in der zweiten Phase war es die personalisierte Massenfertigung. Bei der Digitalisierung wird es wohl ähnlich ablaufen, erlauben digi- tale Prozesse nicht nur gewaltige Größen- vorteile, sondern eben durch die umfangrei- che Information maßgeschneiderte, indivi- dualisierte Produkte. Diese Personalisierung
Frankfurt am Main – eine Großstadt mit vielen kleinen lebendigen Marktplätzen
 bedeutet aber nicht, dass sich das Wettren- nen um Marktmacht und schnelle Marktein- tritte verlangsamt – das Gegenteil ist wohl richtig. Gerade weil Unternehmen weltweite Märkte erreichen können, wird sich der Wett- bewerb eher intensivieren. Dies gilt für die Kunden der Immobilienwirtschaft, und es gilt ebenso für die Unternehmen der Immobilien- wirtschaft – auf allen Wertschöpfungsstu- fen. Natürlich gibt es Branchen, die diese Entwicklung stärker und früher zu spüren be- kommen als andere. Überall dort, wo menschliche und direkte Interaktion wichtig ist, und überall dort, wo regionale Expertise
zählt, werden ortsunabhängige Algorithmen weniger Angriffsfläche erhalten.
Mehr Effizienz, mehr Effektivität
Dies ermöglicht ein höheres Maß an Effizi- enz und Effektivität, und beides wird zu ei- nem weiteren Zuwachs an Wohlstand füh- ren, weil Reibungsverluste reduziert werden können. Es wäre gleichwohl fahrlässig zu hoffen, diese Prozesse würden automatisch für alle Marktakteure zu zufriedenstellenden Verteilungsergebnissen führen. Und es wäre ebenso fahrlässig zu glauben, der weltweite Ressourcenverbrauch wäre dadurch verrin- gert. Gut möglich, dass die aktuellen Vertei- lungskämpfe zwischen arm und reich, Stadt und Land, Nord und Süd verstärkt werden. All dies hätte massive Implikationen für die Immobilienwirtschaft: Wie werden die Nut- zer arbeiten, einkaufen, wohnen? Welche Leistungen werden automatisiert und wel- che Fertigkeiten und welches Wissen wer- den knapp sein, also eine Überrendite er- möglichen? Welche gesellschaftlichen Un- terschiede sind wir bereit, innerstädtisch und zwischen Städten zu tragen? Die Herausfor- derung wird nicht das mitunter vermutete Ende der Arbeit sein, sondern die veränderte
GERMAN COUNCIL . HANDEL UND IMMOBILIEN
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