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 Ludwig Görtz
In den 50er- und 60er-Jahren ist der junge Görtz kreuz und quer durch die USA getourt, von Küste zu Küste, von einem Shopping Center zum nächsten – immer auf der Su- che nach Neuem, was sich mit zeitlicher Ver- zögerung auch in Deutschland im Einzelhan- del finden würde. »Weil man wusste, dass das Ganze auch irgendwann zu uns kom- men würde, war man immer gut für die Zu- kunft gerüstet«, resümiert der Kaufmann.
»Unser Online-Handel wächst«
Das ist das Unternehmen auch heutzutage wieder. Nach einer Rosskur ist Görtz seit zwei Jahren wieder profitabel. Konkrete Um- satzzahlen gibt hier niemand preis, aber das hanseatische Traditionshaus beschäftigt nach eigenen Angaben rund 3000 Mitarbei- ter, verkauft »mehrere Millionen Paar Schuhe jährlich und will weiter wachsen. Neue Lä- den gibt es aber nur, wenn Standort und Mietpreis stimmen.« Wie viele stationäre Shops es noch geben wird, weiß niemand so genau, aber eines ist schon jetzt klar: »Das Wachstum liegt bei uns klar im Online-Han- del; unser Anteil am gesamten Handel be- wegt sich um 12 Prozent«, sagt der Mann, der immer noch morgens um sieben Uhr der Erste im Laden ist. Und das, obwohl er das operative Geschäft längst aufgegeben hat.
»Das ist schon ziemlich viel ...« Im klassi- schen Schuhhandel liege der Anteil bei rund fünf Prozent.
Bei Görtz soll der Anteil am Online-Geschäft noch weiter wachsen – und zwar in Kombi- nation mit dem stationären Handel. Schon jetzt verbindet Görtz online und stationär recht erfolgreich miteinander: Man kann on- line Schuhe bestellen, und die Ware wird aus dem Zentrallager oder auch von den Filialen aus verschickt. Auch das sieht man im Hau- se Görtz als eine Möglichkeit, die stationären Läden auszulasten und so zu erhalten. »Lei- der kommen die Waren auch mal zurück, und das ist mit Kosten verbunden. Aber was will man machen?«, scherzt der gewiefte Ge- schäftsmann. »Wenn man nicht mitmacht, scheidet man aus dem Markt aus.« Bislang werden die Schuhe für Kunden kostenfrei verschickt – und das werde wohl auch so bleiben. Dasselbe gelte für Retouren, die für Görtz ein »Ärgernis« sind. Dennoch rechne sich das Ganze. »Ohne die Retouren würde es sich allerdings noch besser rechnen.«
»Durch Algorithmen entsteht eine völlig neue Kundenbindung«
Überall in der Stadt sieht der einstige Pionier Veränderungen, an die man sich als Händler
anpassen müsse. Das wäre schon immer so gewesen und werde sich auch künftig nicht ändern. »Auch der stationäre Handel vor Ort wird sich weiter entwickeln – durch Senso- ren und Algorithmen«, ist Görtz sicher. »Man stelle sich vor, Sie haben ein Gesichtserken- nungsprogramm in ihrer Filiale. Die Kundin kommt rein, und sie wird mit ihrem Namen angesprochen; ihre Verkaufshistorie ist so- fort auf dem Tablet einer Verkäuferin. Und die kann sagen: Die Schuhe, die Sie letztes Jahr im Mai gekauft haben, gefallen sie Ih- nen noch, passen sie noch? Da entsteht eine völlig neue Beziehung zum Kunden.« Das dürfe zwar das persönliche Gespräch mit dem Kunden nicht ersetzen, aber durch technologischen Fortschritt und Künstliche Intelligenz könne die Kundenbetreuung vor Ort enorm verbessert werden.
Vom Bau des 80.000 Quadratmeter großen Shopping Centers im Überseequartier hält Görtz erwartungsgemäß genauso wenig wie vom öden Hamburger Rathausplatz, den er am liebsten mit längst vergessenen, aber im- mer noch vorhandenen Denkmälern schmü- cken möchte: Kaiser Wilhelm etwa, »der Ers- te«, versteht sich und allegorische Figuren »mit aktuellem Bezug«. Denn ein Gestriger ist Görtz keineswegs. Unter seiner Führung avancierte die Firma schon Mitte der 70er- Jahre durch den Einsatz von IBM-Rechen- maschinen zu den Pionieren des Computer- zeitalters.
Ein Beitrag von Susanne Osadnik, Chefredakteurin GCM
GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
 Der Hamburger Schuhhändler Görtz will mit Investitionen in sein Online-Geschäft, neuen Filialen und Flagship-Stores in den großen Städten Deutschlands seinen Umsatz auf 300 Mio. Euro im Jahr 2021 steigern. Nach Jahren der Krise ist das Traditionsunternehmen nach eigenen Angaben wieder auf Erfolgskurs und will der Online-Konkurrenz die Stirn bieten: Mit neuen Angeboten wie »Check & Reserve« – Kunden können Schuhe online im Shop be- stellen – sollen digitale und analoge Schuh- welten besser miteinander kombiniert werden. Den ersten Online-Shop eröffnete Görtz be- reits 2003.
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© Anna-Lena Ehlers




















































































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