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GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
Im Gespräch mit ...
Ludwig Görtz, dem Grandseigneur des deutschen Schuhhandels. Als Gast beim Regional Dinner in Hamburg sprach der hanseatische Kaufmann über die Zukunft des stationären Handels, das Wachstum des Online-Handels im Hause Görtz – und warum man nicht auf Politiker setzen sollte, wenn man in seiner Stadt etwas voran- bringen will
Dass auch der Handel in Hamburg mögli- cherweise den E-Commerce zu lange ver- schlafen habe, lässt er nicht gelten. »Ein- spruch, Euer Ehren«, kontert der Grandseig- neur des Schuhhandels. »Wir haben schon früh auf die Auswirkungen des Online-Han- dels auf den stationären Handel aufmerk- sam gemacht.« Und man habe immer ver- sucht, auch die Politik mit ins Boot zu holen, um die Innenstadt entsprechend darauf vor- zubereiten und in die Jahre gekommene oder unattraktive Plätze so aufzufrischen, dass sie Menschen in die City locken.
»Shopping Center müssen sich immer wieder neu erfinden«
Schon vor 35 Jahren gründete er mit ande- ren Unternehmern den Trägerverbund Pro- jekt Innenstadt, dessen Vorsitzender er bis heute ist. Zweck des Vereins: Die Förderung der Attraktivität der Hamburger City. Geht es um Neugestaltung und Umbau von Innen- stadt und Hafencity, mischt der rüstige Seni- or immer noch mit und spart auch nicht mit Kritik an den politisch Verantwortlichen: »Es dauert alles viel zu lange! Die Politiker-Pers- pektive reicht immer nur für eine Wahlperio- de. Wenn wir auf Politiker warten würden, wäre in der Stadt nichts so, wie es heute ist.«
160 Niederlassungen unterhält Görtz zurzeit deutschlandweit. Viele davon liegen in Shop- ping Centern. Rechnet er mit Center-Schlie- ßungen? Dazu hat er eine klare Meinung: Wenn der Standort nicht stimmt, muss man auch über Aufgabe und Abriss nachdenken. Ansonsten dürfe sich niemand ausruhen und man müsse stetig am Ball bleiben, um dafür zu sorgen, dass Einkaufscenter weiter- hin spannend und anziehend wirken. Dazu gehört für ihn eine geeignete Auswahl an Gastronomie genauso wie Shops und neue Gesamtkonzepte. Es sei wichtig, auch bei je- dem Center dessen Daseinsberechtigung immer wieder zu überdenken und älteren Standorten mit neuen Ideen wieder Leben einzuhauchen. »Man muss als Kunde das Gefühl haben, da muss ich hin, da passiert was, das ich nicht verpassen darf«, so Görtz. »Ich denke, man kann viel aus Amerika ler- nen. Ich habe Amerika immer als Vorbild gese- hen.« Die Entwicklungen, die es dort gegeben habe, seien mit einigen Verzögerungen auch immer auf Deutschland übergeschwappt. »Man denke nur an die Selbstbedienung im Lebensmittelhandel ...«
Der Mann steuert auf Mitte 80 zu ... und ziel- strebig auf seinen Platz auf der Bühne. Ram- penlicht, viele Menschen, Mikrofone – das alles kennt er und scheut er heute genauso wenig wie früher, als er das von seinem Ur- großvater gegründete Unternehmen über- nahm.
»Ich habe Amerika immer als Vorbild gesehen ...«
Ludwig Görtz, dessen Name über Hamburg hinaus wie kein anderer mit dem Schuhhan- del verbunden ist, kann auf 59 Jahre Erfah- rung in diesem Geschäft zurückblicken. Und das tut er auch an diesem Abend in der Han- se Lounge, in die der German Council of Shopping Center (GCSC) zu seinem Jahres- auftakt-Dinner geladen hat.
Vor dem handelsversierten Publikum stellt sich der einst mit dem Titel »Schuhkönig von
Hamburg« bedachte Unternehmer gut ge- launt und schlagfertig den Fragen von GCSC- Regionalbotschafter Dr. Kersten Rosenau. Was unterscheidet die Geschäftswelt von heute von der von gestern und vorgestern? »In den 60er-, 70er- und 80er-Jahren konnte man als Unternehmer tatsächlich noch et- was unternehmen«, sagt Ludwig Görtz. »Wir konnten Dinge ausprobieren und auch mal Fehler machen. Ging etwas daneben, war das nicht so schlimm. Das wurde durch das allgemeine Wirtschaftswachstum wieder ausgeglichen.« Heutzutage hingegen wisse man ja nicht mal mehr, wie das kommende Jahr werde.
»Einspruch, Euer Ehren!«
Dennoch ist der Mann, der im Alter von 26 Jahren bei Görtz einstieg, sicher, dass der Einzelhandel überleben wird, wenn er »auch anders aussehen wird als heute«.
 Ludwig Görtz und Dr. Kersten Rosenau
42 GCM 1 / 2019
© Anna-Lena Ehlers


















































































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