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 Urban Gardening
renzprinzip des Homo oeconomicus gilt als das bestimmende Paradigma der Evolution, sondern die menschliche Kompetenz zum Kooperieren. Die Freude, etwas mit anderen zu teilen und gemeinsam zu tun, ist ein ge- nuin menschliches Gefühl, sagt etwa Micha- el Tomasello, Direktor am Max-Planck-Insti- tut für evolutionäre Anthropologie. Für ihn ist der Mensch »das Tier, das wir sagt« (zitiert nach Mayer 2011). Tomasello zufolge entfal- tet sich die menschliche Evolution durch eine zunehmende Kooperationskompetenz. Die oberste Stufe bildet dabei die »geteilte Intentionalität«, die Fähigkeit, an kooperati- ven Aktivitäten teilzunehmen, die gemeinsa- me Absichten und Ziele voraussetzen. Das ist es, was die menschliche Kultur ermög- licht und ausmacht. Im 21. Jahrhundert lässt sich der Mensch deshalb nicht mehr als rational-egoistischer Homo oeconomic- us beschreiben. Er entwickelt sich weiter zum Homo socialis, der mit den Mitteln der Kollaboration und Kooperation nach Sinn, Emotionalität und Innovation sucht. Das Comeback der Kooperation – ob in vernetz- ten Arbeitsteams, alternativen Wohnformen, flexiblen Mobilitätskonzepten oder lokalen Nachbarschaftsprojekten – lenkt unseren Blick auf das, was den Menschen im Kern ausmacht, und auf die Zukunft des mensch-
lichen Zusammenlebens. Es hilft uns im Um- gang mit einer Wirklichkeit, deren Komplexi- tät nur kollaborativ zu bewältigen ist.
Working
Co-Working umfasst viel mehr als nur die räumliche Zusammenarbeit in coolen Ge- meinschaftsbüros. Es geht auch um geisti- ge, soziale und kreative Verbindungen. Co- Working-Spaces sind Orte der Produktivität, des Wissensaustausches, der Kreativität – und der zufälligen und manchmal folgenrei- chen Begegnungen. Als Kristallisationspunk-
Bike-Sharing
te des Megatrends New Work erschließen sie das Innovationspotenzial, das aus der Vernetzung des Verschiedenartigen ent- steht. Mittlerweile hat allein WeWork, der Platzhirsch unter den Co-Working-Space-An- bietern, rund 270.000 Mitglieder weltweit (vgl. Zoidl 2018). Neben den internationalen Ketten gibt es unzählige kleinere Konzepte. Auch Homeoffice-Gruppen sind schon in rund 120 Städten präsent (vgl. Breit 2017).
Mobility
Sharing, also Tauschen und Teilen, ist das Leitmotiv einer neuen Generation, die Eigen- tum und Materielles nicht mehr als Le- bensziel, sondern als Mittel zum Zweck be- trachtet. Menschen mit diesem Mindset kon- sumieren kollektiv und kollaborativ. Erlebnis- se und Erfahrungen sind ihnen wichtiger als Eigentum und Besitz. Sharing wird zur neuen Kulturtechnik einer vernetzten Gesellschaft. Und zum Funktionsprinzip der Mobilität – denn selbst der Besitzanspruch auf das eige- ne Fahrzeug verändert sich langsam.
Gab es zur Jahrtausendwende deutschland- weit gerade einmal 38.000 angemeldete Car- sharing-Nutzer, sind es heute weit über 2 Mil- lionen – und auch die Zahl der für Carsharing angemeldeten Fahrzeuge hat sich seither verzehnfacht (vgl. carsharing.de). Ebenso boomen Mitfahrzentralen, Peer-to-Peer-Sha- ring-Plattformen sowie urbane Bike-Sharing- Lösungen.
Creation
Konsumenten werden zu Produzenten, see- lenlose Massenware verliert an Reiz gegen- über Selbstgemachtem, Selbstgebautem,
  Car-Sharing
GERMAN COUNCIL . TRENDS
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