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GERMAN COUNCIL . TRENDS
Das Co-Prinzip
Co-Working, Co-Mobility, Co-Creation, Co-Living: Die sozialen Techniken des Kollaborierens und Kooperierens sind das Organi- sationsprinzip der vernetzten Gesellschaft – weil sie menschliche Potenziale zur Entfaltung bringen
neue, instabile Wirklichkeit. Das Organisati- onsprinzip der Kooperation dient damit als probates Mittel zur Komplexitätsbewälti- gung. Denn es rückt unsere menschlichen Grundkompetenzen wieder in den Fokus – umso mehr, je stärker unsere Lebenswelten von Automatisierung und Algorithmisierung durchdrungen werden.
Vom Homo oeconomicus zum Homo socialis
Nichts anderes verdeutlicht die Renaissance der Empathie und der sozialen Resonanz, die wir derzeit erleben: In der vernetzten Gesell- schaft herrscht eine tiefe Sehnsucht nach ei- ner Kultur, die Beziehungen schafft, und nach Identitäten, die über das eigene Ich hin- ausgehen. Das Co-Prinzip reicht also weit hi- naus über die rein ökonomischen Aspekte der Sharing Economy. Im Zentrum steht der Wunsch, neue flexible Formen von Zusam- menhalt und Gemeinschaft zu spüren und zu schaffen. Mehr denn je sucht das indivi- dualisierte Ich nach Resonanz in kollaborati- ven Gemeinschaften.
Auch das wissenschaftliche Bild vom Men- schen und seinem »natürlichen« Verhalten hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehn- ten stark gewandelt. Nicht mehr das Konkur-
Die Ära der Vernetzung ist eine Blütezeit für hybride Gemeinschaften und Communitys. Überall in der Gesellschaft entstehen neue Kollektiv-Konstrukte, in denen wir uns ver- netzen, online und offline, privat und profes- sionell. Immer mehr Menschen tauschen und teilen, von Kleidern und Lebensmitteln bis zu Autos und Fahrrädern, leben in Mehr- generationen-Wohnprojekten, bewirtschaf- ten gemeinsam urbane Gemüsegärten, ar- beiten in Co-Working-Spaces. Das Co-Prin- zip, das sich heute an den unterschiedlichs- ten Stellen und Orten der Gesellschaft mani- festiert, ist so alt wie die Menschheit selbst. Kollaborative Gefüge durchziehen unsere Geschichte wie ein roter Faden, von archai- schen Stämmen bis zu modernen Subkultu- ren und Szenen, von strategischen Interes- sengemeinschaften bis zur Erfindung der ro-
mantischen Liebe. Heute jedoch markieren soziale Phänomene wie Co-Working, Co-Li- ving, Co-Mobility und Co-Creation einen ech- ten Phasensprung in der gesellschaftlichen Evolution. Sie reagieren auf die Anforderun- gen einer hochkomplexen Welt – und helfen uns, jene Co-Kompetenzen auszubilden, die im Kontext der Konnektivität immer wichti- ger werden.
Komplexität verlangt Kooperation
Die vernetzte Realität verwickelt uns in eine Vielzahl oft unüberschaubarer Kommunika- tionszusammenhänge. Unser Leben wird fle- xibler – und komplexer. Die neuen Co-Ge- meinschaften sind eine direkte Antwort auf diesen Komplexitätsdruck. Als flexible Gefü- ge sind sie optimal zugeschnitten auf die
 Co-Working-Space
20 GCM 1 / 2019
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