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GERMAN COUNCIL . TRENDS
 chen Handicaps so komfortabel und ange- nehm wie möglich sein soll«, sagt Hertel.
IHK-Betriebsberater Petermann hält die neut- rale Bezeichnung für eine gute Wahl: »Jeder will alt werden, aber niemand will alt sein.« Senioren würden sich häufig daran stören, wenn Produkte oder Zertifizierungen den Be- griff »altersgerecht« enthalten. Ein Beispiel dafür sind Handys mit großen Displays und Tastaturen. Werden solche Geräte in Elektro- nikgeschäften unter der Bezeichnung Senio- ren-Mobiltelefon beworben, ist die Kunden-
nachfrage meist deutlich geringer als wenn ein neutraler Begriff gewählt wird. Professo- rin Ulla Meister, Prorektorin für Hochschul- marketing an der Hochschule Mittweida, warnt deshalb davor, den Begriff »Alter« allein mit »Umschreibungen wie Unbeweglichkeit und Abhängigkeit« zu verbinden oder alte Menschen in einer festumrissenen Zielgrup- pe zu verorten: »Tatsache ist, dass Lifestyle- Konsumenten älter werden, und dass sie kei- neswegs damit aufhören, zu konsumieren.«
Fitte Alte fahren Porsche
Marketingstrategen haben in der Vergan- genheit immer wieder versucht, ältere Men- schen als eine Konsumentengruppe zu defi- nieren. Bei der Namensfindung sprühen die Werber nur so vor Energie. Mal werden Seni- oren als »Neue Alte« tituliert, mal »Silver Ager« getauft. »Future Seniors«, »Generati- on 55plus« und »Woopies« – Well Off Older People – lauten einige weitere Begriffe. Für den Schweizer Marketingforscher Fried- helm Lammoth ist das schlichtweg Unsinn: »Die Vorstellung, die Menschen jenseits der Fünfzig würden allein wegen ihres gemein- samen kalendarischen Alters eine einheitli- che Zielgruppe bilden, ist ein Denkfehler.« 65-jährige hätten ganz andere Interessen
als 85-jährige. Wer frisch in die Rente ge- gangen ist, plant gerne weite Reisen, kleidet sich stylisch und erfüllt sich häufig endlich den Traum vom Sportwagen. Laut einer Stu- die des CAR-Instituts der Universität Duis- burg-Essen weisen Porsche-Käufer mit 56,1 Jahren das höchste Durchschnittsalter un- ter den Neufahrzeugerwerbern in Deutsch- land auf. »Der Porsche-Neuwagen ist eher etwas für Opis«, scherzt Studienautor Ferdi- nand Dudenhöfer.
Auch für den Sportartikel-Handel werden Se- nioren zu einer immer wichtigeren Kunden- gruppe. Immer mehr Ältere laufen Mara- thons und werden dabei auch noch immer schneller: Laut einer Studie der Université de Bourgogne im französischen Djion hat sich die Durchschnittszeit der Über-64-jährigen auf den 42,195 Kilometer langen Wettkampf- strecken in Europa binnen neun Jahren um sieben Minuten verringert.
Grössere Lettern, weniger violettes Haar
Was aber weder Joggingschuhe noch Sport- wagen aus Zuffenhausen korrigieren kön- nen, sind die körperlichen Beeinträchtigun- gen, die das Alter mit sich bringt. »Mit der Zahl an Lebensjahren schreitet kontinuier- lich eine gelbliche Eintrübung der Augenlinse voran«, sagt Ergonom Moll. »Dadurch wird es immer schwerer, Farbkontraste zu unter- scheiden.« Irgendwann nach dem 55. Le- bensjahr ist es deshalb immer schwieriger Grün und Blau sowie Weiß und Gelb ausein- anderzuhalten.
Dass viele ältere Frauen jahrelang violett ge- tönte Haare getragen haben, sei nicht unbe- dingt ein Modetrend gewesen, sagt Peter- mann. »Eigentlich wollten sich diese Frauen die Haare rot oder braun tönen.« Es sei ihnen jedoch beim Einkauf im Drogeriemarkt schwer gefallen, die auf den Verpackungen abgedruckten Farben zu unterscheiden. »Seit immer mehr Hersteller den jeweiligen Farbton zusätzlich in großen Lettern klar les- bar auf die Verpackung drucken, ist die Zahl der älteren Damen mit violetten Haaren im Straßenbild wieder deutlich zurückgegan- gen«, so Petermann.
Zwar können Einzelhändler keinen Einfluss auf die Gestaltung von Verpackungen neh- men. Sie könnten aber in ihren Geschäften
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