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Eine der Ursachen dafür: Mit wachsendem Wohlstand werden weniger Kinder geboren. Vor 150 Jahre brachte jede Frau in Deutsch- land in ihrem Leben im Schnitt fünf Kinder zur Welt, heute sind es nur noch 1,5. »Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete Nachwuchs noch Altersvorsorge«, erläutert Sabine Süt- terlin, Demografieforscherin am Berlin-Insti- tut für Bevölkerung und Entwicklung. Heute hingegen können weltweit immer mehr Men- schen auf staatliche Rentensysteme und per- sönliche Vorsorge bauen. »Dieser Geburten- rückgang findet mehr oder weniger ausge- prägt weltweit in allen Ländern statt, die sich von einer agrarischen zur industriellen Wirt- schaftsweise entwickeln«, sagt Sütterlin.
Hinzu kommen große Fortschritte in der Me- dizin. Einen der bahnbrechendsten gelingt 1928 dem schottischen Mediziner und Bak- teriologen Alexander Flemming am St. Mary’s Hospital in London – durch Zufall: Vor den Sommerferien setzt der damals 46-jährige rasch noch eine Staphylokokken-Kultur an, ein brisantes Bakterium, das Menschen auf vielfältigste Weise töten kann – durch Lun- gen- und Herzmuskelentzündungen bis hin zur Sepsis. Weil der Urlaub naht, ist Flem- ming nicht ganz bei der Sache. Schimmelpil- ze der Gattung Penicillium gelangen unbeab- sichtigt in den Nährboden. Als der Bakterio- loge nach den Ferien in sein Labor zurück- kehrt, stellt er fest, dass sich überall dort, wo der Schimmelpilz wächst, die Staphylokok- ken nicht vermehrt haben. Penicillin nennt Flemming den neu entdeckten Wirkstoff ge- gen die gefährlichen Bakterien. Das erste An- tibiotikum ist gefunden. 1945 wird sein Ent- deckerdafürmitdemNobelpreisfürPhysio- logie und Medizin geehrt.
Ältere Kunden sind dankbar und loyal
Für den Handel ist der Megatrend auch eine Megachance. Ältere Menschen verfügten über eine deutlich höhere Kaufkraft als jün- gere Verbraucher, deren Einkommen noch gering sind und die erst noch Rücklagen für ihre eigene Altersvorsorge bilden müssen, sagt GERT-Erfinder Moll. »In den kommen- den Jahren wächst stetig jene Bevölkerungs- gruppe, die über das höchste Konsumpoten- zial verfügt.« Gerade der inhabergeführte stationäre Einzelhandel und große Unterneh- men, die ihre Mitarbeiter in den Filialen im Umgang mit älteren Kunden schulen, könn- ten vom demografischen Wandel profitieren,
erläutert Moll. »Senioren kaufen bevorzugt in Geschäften ein.«
Dies liege nicht daran, dass ältere Menschen nicht internetaffin seien. »Die meisten von ih- nen wollen aber nicht daheim am Computer sitzen,sonderndraußenseinundetwaserle- ben«, sagt Moll. Allerdings müsse der Einzel- handel ihnen auch entgegenkommen und ih- nen ein angenehmes Einkaufserlebnis bie- ten. »Ältere Menschen sind dankbare und lo- yale Kunden«, sagt der Ergonom. »Wenn sie in einem Geschäft gute Erfahrungen ge- macht haben, kommen sie immer wieder.«
Unternehmen beginnen deshalb, ihre Ge- schäftsflächen an die Bedürfnisse älterer Kun- den anzupassen. Supermarktketten wie REAL bieten inzwischen an einer Reihe von Standor- ten einen Shuttle-Service mit Kleinbussen zu ihren Filialen – für Senioren, die nicht mehr Au- tofahren können oder wollen. Von den rund 400.000 selbstständigen Mitgliedsunterneh- men im Handelsverband Deutschland (HDE) haben inzwischen mehr als 9.600 Einzelhan-
delsgeschäfte – vom Eckladen im Kiez über Supermärkte bis hin zu Einkaufszentren – das Qualitätszeichen »Generationsfreundli- ches Einkaufen« erlangt. Der HDE hat das Zertifikat 2010 gemeinsam mit dem Bundes- ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie Partnerorganisationen und Unternehmen ins Leben gerufen.
»Um die Auszeichnung zu erhalten, muss der Zugang zu einem Geschäft barrierearm sein, der gesamte Einkaufsbereich gut aus- geleuchtet und etwaige Gefahrenstellen aus- reichend markiert sein«, sagt HDE-Sprecher Stefan Hertel. »Zudem müssen die Böden rutschfest und die Gänge breit genug für Kinderwagen, Rollstühle und Rollatoren sein.« Außerdem müssten die Preisschilder gut lesbar und Sitzgelegenheiten zum Aus- ruhen für Kunden vorhanden sein. »Wir ha- ben uns bei der Namenswahl bewusst nicht allein auf Senioren bezogen, weil das Einkau- fen für Menschen aller Altersgruppen, Fami- lien ebenso wie Singles, Menschen mit vorü- bergehenden oder ständigen gesundheitli-
GERMAN COUNCIL . TRENDS
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