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GERMAN COUNCIL . TRENDS
»Nenn’ mich nicht Silver Ager«
Der demografische Wandel ist ein Megatrend. Die Zahl der älteren Menschen in Deutschland wird in den kommenden Jahren deutlich wachsen. Für den stationären Einzelhandel birgt diese Entwicklung zahlreiche Chancen, denn Senioren verfügen über hohe Kaufkraft und konsumieren am liebsten stationär – allerdings nur in solchen Geschäften, die sich auf sie als Kundengruppe einstellen
zelner Produkte deutlich besser wahrneh- men, wenn zuvor die Musik ausgeblendet wird und einzelne Sätze lauter und langsa- mer gesprochen werden«, sagt der IHK-Ge- schäftsstellenleiter. Am Test beteiligte Ein- zelhändler in Senftenberg hätten aufgrund solcher Erkenntnisse die Warenpräsentation in ihren Geschäften geändert: Produkte, die bevorzugt von Senioren erworben werden, seien in den Regalen nun so platziert, dass sie sich in deren idealer Greifweite befinden.
Jeder zweiter Euro wird von über 50-Jährigen ausgegeben
Wenn Einzelhändler so handeln, ist das für Wolfgang Moll wieder einmal eine Bestäti- gung seiner Arbeit. Der 53-jährige Diplom- Designer und Ergonom aus dem baden- württembergischen Stotzingen hat den Ge- rontologischen Testanzug GERT entwickelt, der inzwischen in Ausbildungs- und For- schungseinrichtungen, Unternehmen und Verbänden zum Einsatz kommt, wenn Be- schäftigte für die Einschränkungen älterer Menschen sensibilisiert werden sollen oder man wissen will, wie Geschäfte, Fahrzeuge oder Produkte für Senioren optimiert werden können. »Wer so einen Anzug getragen hat, erlebt die Welt mit den Sinnen eines alten Menschen – und will sein Geschäft anschlie- ßend so formen, dass sich auch diese Kun- den darin wohlfühlen«, sagt Moll. Das sei nicht überraschend: »Schon heute wird jeder zweite Euro im Einzelhandel von Konsumen- ten ausgegeben, die älter als 50 Jahre sind«, erklärt Moll. »Morgen wird der Anteil dieser Altersgruppe noch deutlich höher sein.«
Es ist einer der bedeutendsten Megatrends der Gegenwart: Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, in Nordamerika und in weiten Teilen des asiatisch-pazifi- schen Raums wächst der Anteil der alten Menschen an der Gesamtbevölkerung ste- tig. Der demografische Wandel wird die Al- tersstruktur der Gesellschaften in den kom- menden Jahrzehnten radikal verändern. Derzeit sind in Deutschland nach Berech- nungen des Statistischen Bundesamtes rund 18 Millionen der insgesamt 81,4 Millio- nen Einwohner älter als 64 Jahre – ein An- teil von 22,48 Prozent. Im Jahr 2030 jedoch werden nach den jüngsten Prognosen der Bundesstatistikern bereits 27,5 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre und älter sein; 2050 sogar 31,57 Prozent.
Am Rücken drückt es, in den Knien schmerzt es, die Unterarme und Hände zittern, das Blickfeld ist eingeschränkt und Farbtöne können nicht mehr klar unterschieden wer- den. Wer einen Alterssimulationsanzug trägt, erfährt, wie es sich anfühlt, ein alter Mensch zu sein – und als ein solcher beispielsweise einkaufen zu gehen. Erkenntnisse, die auch zwölf Einzelhändler im brandenburgischen Senftenberg bei einem Testlauf in einem ört- lichen Supermarkt gewonnen haben. Das Fa- zit: »Im Alter fällt der Einkauf deutlich schwe- rer«, sagt Marcel Petermann, Leiter der Ge- schäftsstelle Senftenberg der Industrie- und Handelskammer Cottbus, der den Selbstver- such der Händler in der 24.500 Einwohner- Stadt organisiert hat.
»Die Tester waren ziemlich überrascht, wel- che motorischen, visuellen und akustischen Einschränkungen in einem Einkaufsmarkt für Senioren bestehen«, sagt Petermann. Äl- tere Menschen seien nicht nur weniger be- weglich als jüngere. Auch das Sehvermögen und das Gehör lasse mit dem Alter nach. »Für Senioren ist es deshalb nicht nur schwieriger, Produkte aus Tiefkühltruhen oder unteren Regalfächern zu entnehmen. Sie haben auch Probleme, die von ihnen ge- suchten Waren darin zu finden.« Darüber hi- naus sei es für sie sehr schwierig, von Musik untermalte Tonansagen in Supermärkten und Warenhäusern zu verstehen. »Wir haben bei dem Test entdeckt, dass ältere Men- schen Werbeansagen zur Vermarktung ein-
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