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denten und seine Entourage in die Enge treiben helfen, desto höher wird das Risiko für Trump, seines Amtes enthoben zu werden. Doch umso größer wäre dann die Gefahr, dass Trump einen Krieg vom Zaun bricht, der wiederum dazu füh- ren könnte, dass sich seine patriotischen Lands- leute stärker hinter ihren Präsidenten und Ober- befehlshaber scharen.
Donald Trump erklärt ständig irgendjemanden zu seinem Feind. Demokraten, Migranten, Men- schen, die sich in NGOs engagieren. Worauf müssen wir uns mit Donald Trump für das kom- mende Jahr einstellen? Und wann wird er einen Krieg mit dem Iran anzetteln?
Die USA könnten, nachdem sie das Nuklearab- kommen mit dem Iran aufgekündigt und die Sanktionen verschärft haben, weitere Konse- quenzen folgen lassen. Sollten Trump und seine Sicherheitsberater zu der Einschätzung kommen, dass der Iran Atombomben baut, werden sie schnell reagieren und Präventivschläge gegen den Iran führen oder zunächst Israel oder Saudi- Arabien dazu freie Hand lassen. Dafür spricht auch ein neues mögliches Kriegskabinett in Wa- shington: Trumps aktueller Außenminister Mike Pompeo ist, anders als sein Vorgänger Rex Tiller- son, in der Iran-Frage ein Hardliner. Trumps neu- er Sicherheitsberater John Bolton fordert schon seit Längerem, mit Bomben die iranische Atom- bombe zu verhindern: »To Stop Iran‘s Bomb, Bomb Iran«.
Trumps »wirtschaftsnationale Bewegung« hätte umso mehr Aufschwung, sollte Amerika sich auch an der Heimatfront wieder für einen Krieg rüsten müssen. So leidvoll der bislang letzte grö- ßere Krieg, der Waffengang gegen den Irak, auch für die Menschen vor Ort und für US-ameri- kanische Soldaten und deren Angehörige war, so gewinnbringend bleibt er für einige Industrie- zweige, allen voran für den militär-industriellen Komplex. Für Trump böte ein Krieg gegen einen äußeren Feind auch mit Blick auf seine mögliche Wiederwahl in zwei Jahren eine Chance, sich als Oberster Befehlshaber bei den Wählern zu profi- lieren.
Zurzeit kursieren Gerüchte, dass Hillary Clinton nochmal zur nächsten Wahl antreten will. Ist den Demokraten noch zu helfen, wenn sie das unterstützen?
Hillary Clinton wäre wieder die beste Wahl- kampfhilfe für Trump. Einmal mehr würden sich viele Amerikanerinnen und Amerikaner für das für sie kleinere Übel entscheiden: Religiöse Ein- stellungen und die Haltung zu sogenannten moral issues wie Abtreibung sind wahlentschei- dend in »God’s own country«. Hillary Clinton
Das Weiße Haus: Amtssitz des amerikanischen Präsidenten und Schicksalsort, an dem schon immer für die ganze Welt bedeutsame Entscheidungen getroffen werden
GERMAN COUNCIL . INTERVIEWS
 scheiterte zwei Jahre zuvor an dieser »Gretchen- frage«. Zwar ließ bei den vergangenen Präsident- schaftswahlen die Demokratin Clinton keine Ge- legenheit aus, ihre religiösen Überzeugungen mitzuteilen. Doch ihre Verpflichtung, vor allem gegenüber jüngeren Frauen, für das Recht auf Abtreibung einzustehen, machte sie zur idealen Bedrohung für das »Leben ungeborener Kin- der«, womit sie Trump half, wertkonservative Wähler an sich zu binden. Christlich rechte Wäh- lerinnen und Wähler stimmten bereits mit über- wältigender Mehrheit ganz pragmatisch für den nicht so bibelfesten und wenig keuschen Trump, weil er mit Mike Pence einen Vizepräsident- schaftskandidaten aus ihren Reihen auswählte und ihnen zugleich zusicherte, als Präsident nur von ihnen gebilligte Richter für das Oberste Ge- richt zu nominieren. Mit der Veränderung der Mehrheit des neunköpfigen Supreme Court soll vor allem das Abtreibungsurteil aus dem Jahr 1973 revidiert werden.
Wie müsste sich ein geeigneter Kandidat oder eine Kandidatin positionieren, um es mit Trump aufnehmen zu können?
Solange es der US-Wirtschaft mehr oder weniger gut geht und nicht eine Krise wieder wirtschaftli- che Themen in den Vordergrund drängt, bleiben sogenannte moral issues ausschlaggebend. Die Demokraten haben dabei weiterhin einen schwierigen Drahtseilakt zu meistern. Auch jene Senatorinnen und Senatoren, die in zwei Jahren zur Wiederwahl in Einzelstaaten antreten müs-
sen, die Trump bei den Präsidentschaftswahlen gewann. Einerseits fordern liberale Wählerinnen und Wähler von den Demokraten, sich für das »Recht auf reproduktive Selbstbestimmung« ein- zusetzen. Andererseits werden die Volksvertreter vor allem von evangelikalen und katholischen Kirchen aufgerufen, das »Recht auf Leben« zu verteidigen. Diesen Drahtseilakt hat etwa die de- mokratische Senatorin Heidi Heitkamp bei den Kongresswahlen 2018 nicht gemeistert: Sie stimmte gegen Trumps Kandidaten für das Oberste Gericht, Brett Kavanaugh, und bezahlte dafür mit ihrer Niederlage bei den Wahlen.
Wie kommt es, dass eine große Zahl Amerikaner den einen Milliardär, Donald Trump, der fast täglich bei dilettantischem Lügen erwischt wird, als einen von ihnen bezeichnen und zu ihrem Vorbild erklären, und einen anderen Milliardär, George Soros, der gar kein politisches Amt inne- hat, dafür verantwortlich machen, wenn Trumps Pläne mal wieder scheitern?
Der Demagoge Donald Trump hat es mit dieser für viele auch unterhaltsamen Schlammschlacht geschafft, Menschen wieder für das politische Ge- schehen zu begeistern, die sich davon schon lan- ge verabschiedet hatten. Er gibt den Ohnmächti- gen wieder eine Perspektive und, viel wichtiger, eine Stimme. Denn immer mehr weiße Amerika- ner haben Abstiegsängste. Sie befürchten, dass ihnen Afroamerikaner, Latinos und asiatische Ein- wanderer den Rang ablaufen. Auch Amerikas Po- sition in der Welt scheint gefährdet zu sein.
GCM5/2018 
© Aaron Kittredge – pexels.com



















































































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