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 schablonen haben sich seit der Kindheit ins Ge- hirn eingegraben und sind wie ausgetretene Pfa- de: Man folgt ihnen automatisch.
Um da wieder rauszukommen, hilft nach An- sicht von Experten nur: Training. Zum Bei- spiel einfach mal im Supermarkt nicht nach dem ewig gleichen Joghurt greifen, sondern eine andere Sorte ausprobieren. Was kann schon groß passieren? Auch kleine Alltags- entscheidungen brechen verkrustete Verhal- tensmuster auf, sofern sie denn bewusst ge- troffen sind. Offen, flexibel und neugierig auf die Welt zuzugehen, kann neue Horizon- te erschließen. Und zwar ganz gleich, in wel- chem Alter. Den üblichen Spaziergang anders herum zu machen als üblich, hilft selbst Seni- oren noch, nicht einzurosten und dem Leben neue Perspektiven zu verleihen.
Alte Denkmuster hinter sich lassen
Beim Perspektivwechsel können schon kleine Er- folgserlebnisse große Wirkung haben. Viele Menschen fürchteten sich davor, dass »der Tod hinter der nächsten Ecke lauert«, wenn sie aus dem Alltag ausbrechen. »Nicht so wörtlich na- türlich«, so Slaghuis. »Aber sie haben Angst vor vermeintlichem Unglück und Gefahren und ma- len sich Horrorszenarien aus, falls sie den Chef ansprechen. Und sehen am Ende dann oft: Das ist aber mal gut gelaufen!«
Selbst bei Misserfolgen soll man immer weiter probieren. »Lernerfahrungen müssen nicht im- mer gut sein, aber aus Angst vor Fehlern gar nichts zu verändern, ist mit Sicherheit der fal- sche Weg. Dort anfangen, wo es am meisten pressiert – im Job oder privat. Nicht selten hängt ohnehin beides zusammen. Familien üben häufig Druck aus, warnen vor der Kündi- gung – aus Furcht vor finanziellen Konsequen- zen. Auch in solchen Fällen sind Gespräche un- erlässlich.« Duckmäusertum hat noch nie rei- che Ernte eingefahren.
Einen kleinen Tipp hat Coach Slaghuis für alle, die umdenken möchten. »Ändert Dinge an räumlichen Orten. Stellt euch zum Beispiel ein Bild auf den Schreibtisch, das auf dem Kopf ste- hende Menschen zeigt – als Erinnerung, alte Denkmuster hinter sich zu lassen. Das kann auch ein besonderer Stein sein oder ein Memo am Kühlschrank.«
Und muss ich jetzt meine Vergangenheit verges- sen, um privat oder beruflich glücklich zu sein? »Im Gegenteil«, so Slaghuis. »Unseren Erfah- rungsschatz sollten wir nutzen. Alle Erlebnisse und Erfahrungen ad acta zu legen, wäre doch einfach nur schade. Für Veränderungen muss ich nicht meine Vergangenheit verstehen. Ich kann sie dankbar annehmen – und trotzdem neue Wege einschlagen. Perspektivenwechsel bringt Menschen weiter, führt zu Wohlgefühl und Selbstbestimmung.«
Ein Beitrag von Susanne Müller, freie Journalistin
Der Karriere- und Business-Coach Dr. Bernd Slaghuis aus Köln hat sich auf Themen rund um Karriere, Bewerbung und Führung speziali- siert. Stationen seines Werdegangs: Bankkauf- mann, Studium und Promotion in Wirtschafts- wissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, Vorstandsassistent und Leiter Unternehmens- entwicklung bei einer Kölner Versicherung, seit acht Jahren selbstständig als Coach. Sein Blog »Perspektivwechsel« ist einer der meistgele- senen Karriere-Blogs in Deutschland: www. bernd-slaghuis.de.
GERMAN COUNCIL . PERSPEKTIVE
 Thesen von gestern funktionieren nicht für die Zukunft
In ganz Europa greift derzeit der Rechtspopulismus um sich und scheint für immer mehr Menschen die simple Antwort auf komplexe Fragen zu sein. Voll- zieht die Gesellschaft gerade einen fatalen Perspek- tivwechsel? Kommen die ewig Gestrigen an die Macht? »Wir müssen nüchtern konstatieren, dass es dieses Phänomen gibt«, sagt Frank Decker. Er ist Politikwissenschaftler an der Universität Bonn und Experte für Rechtspopulismus. »Jüngste Untersu- chungen haben gezeigt, dass 75 Prozent der befrag- ten Deutschen glauben, früher sei alles besser gewe- sen.« Die Ursachen sieht er in einer auseinander- driftenden Gesellschaft – in Zeiten der Globalisie- rung ein weltweites Problem in kultureller und sozi-
aler Hinsicht. »Dabei stimmt das nicht – zumindest nicht für jedermann. Homosexuelle zum Beispiel und Frauen, die lange um ihre Gleichberechtigung kämpfen mussten, hatten es damals sicher nicht leichter als heute.« Sogenannte Take-back-Control- Programme mit den Thesen von gestern werden nicht funktionieren, ist er überzeugt. Bestes Beispiel sind die Brexit-Briten, welche die Folgen jetzt zu spüren bekommen. »Wir brauchen einen Perspekti- venwechsel: Der Rückzug in die nationale Identität ist nicht zukunftsweisend. Die Gesellschaft benötigt mehr Zusammenhalt. Andererseits sollten wir auch offen und ehrlich diskutieren – über Grenzen der Zuwanderung zum Beispiel«, sagt Decker.
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